Was bedeutet authentisch leben?
Authentisch sein leben bedeutet: ich kann mich nicht verlassen. Demgegenüber steht das identisch sein. Identisch sein kann ich nur mit etwas im Außen oder mit einem Gegenüber. Wer sich zu sehr mit Dingen im Außen identifiziert, steht in der Gefahr in dieser Identifikation hängen zu bleiben. Zur eigenen Persönlichkeitsentwicklung lohnt sich der Blick die eigene Biografie unter dem Aspekt der Identifikationen anzuschauen.
Am Beginn der Identifikation steht die Begeisterung und die geschieht passiv. Dann setzt man seine Zeit ein und engagiert sich und dann kann es geschehen, dass aus der Begeisterung Fanatismus wird. Der Mensch, der sich fanatisch für eine Sache - auch wenn es eine gute ist - einsetzt, kann sich nur schwer von Identifikationen lösen. Oft sind es vermeintliche Loslösungsprozesse - man wechselt nur das Objekt der Identifizierung.
Ichverlust durch Identifizierung
Die Frage "Was macht mich identisch?" ist verführerisch und verliert sehr bald das Wesen des Menschen aus dem Blick. Identifikation bedeutet ich stimme mit etwas Anderem überein. In der Identifikation ereignet sich dann ein Ichverlust, wenn man sich so mit anderem identifiziert, dass es mich nicht mehr gibt.
Wertsein fühlen, das "Ich bin wert" empfinden können, hängt nicht von den äußeren Bedingungen ab und kann auch nicht vom Außen zugesprochen werden.
Jede und jeder baut sich seine Welt mit seinen Möglichkeiten an Identifikationen. Doch jeder Mensch ist mehr als die Summe seiner Identifikationen. Es gibt Dinge, mit denen man sich vor einigen Jahren identifizieren konnte. Wenn dies jetzt nicht mehr möglich ist, dann muss man weiterziehen.
Durch verschiedene Identifikationen entsteht Niemandsland. In der Authentizität gibt es kein Niemandsland. Je länger man etwas, was nicht geklärt ist mit sich herumträgt, um so größer wird die Last. Entweder es gehört zu mir oder es gehört nicht zu mir. Was belastet ist das Ungeklärte.
Wohnungen, in denen Identifikationen den Raum bestimmen werden zu einem Museum. Authentische Wohnungen bieten Lebensraum.
Welche Dinge sollte ich lassen?
Von welchen Gedanken sollte ich mich verabschieden? Es ist wichtig, sich von Gedanken zu verabschieden.
Es ist ein guter Morgensport, täglich vor dem Frühstück eine Lieblingshypothese einzustampfen - das hält jung. (Konrad Lorenz)
Wir müssen aufhören mit der Überheblichkeit des Bewusstseins. Was ich von mir weiß, ist nie nur das Mich, sondern die Ichprägung durch äußere Normen und Regeln. Ich ist ein Mischung zwischen mir und anderem. Viele Menschen haben sich nach den Vorstellungen der Eltern entwickelt und waren nie bei sich.
Das Mich ist kompromisslos auch in der Sprache: "Lass mich!" "Nimm mich, wie ich bin!". Das Mich ist das, was ich nicht erschaffen habe, Mich ist das Empfinden, Mich ist eine Passivität. Das Mich sucht sich die Eltern nicht - dieser Gedanke ist pervers.
Nicht was man gedacht hat hält, nur was man gefühlt hat. Jeder Dank und jedes Gefühl bleiben gebunden an mich. Alles kommt auf mich zurück. Authentisch sein heißt zur Ruhe kommen.
Bevor uns als Kind etwas bewusst war, haben wir empfunden. Das Empfinden hat drei Jahre Vorsprung - unser Denken holt unsere Empfinden nie ein.
Töte das Empfinden und du hast die Macht. Jene Bereiche, die wir nicht empfinden können sind tot. Die Aufforderung "Bleiben Sie sachlich" ist in Ordnung, wenn es um die Sache und nicht um Menschen geht. Die Alternative wäre: "Bleiben Sie emotional!" und "Hören Sie auf sich!" Meistens läuft das, was ich denke mit dem, was ich empfinde auseinander.
Das typische Beispiel ist die Sorge: vor lauter im Kreis Denken kommt man nicht mehr zur Ruhe, weil das Denken und das Bewusstsein den Schlaf raubt. Ein Zuviel an Bewusstsein bedroht das Leben. Der Schlaf selbst hat kein Bewusstsein. Schlaf ist absolut lebensnotwendig. Je weniger ich die Welt lassen kann, um so intensiver sind die Schlafstörungen.
Wie erscheine ich vor anderen? Diese Frage macht einen hohen Prozentsatz unserer Sorge aus. Diese Sorge führt zu einem Vermeidungsverhalten.
Die Lebendigkeit beziehen wir nicht von der Welt, sondern vom Leben. Wenn ich müde bin, sinkt mein Interesse an der Welt. Das Ich muss die Welt verlassen, damit das Mich dem Ich Energie schenken kann. Wenn das Leben zu sich kommt, kann es sich nicht verfehlen. Das Leben entzündet sich an sich selbst und dieses Leben läßt kein Dahinter zu. Die Logik des Herzens sollten wir nicht verwerfen.
Heute wird Vernunft reduziert auf Ratio. Vernunft wäre die Integration von Ratio und Empfinden. Das Empfinden wird dort reduziert wo Macht und Ideologie im Spiel ist. Kein authentischer Mensch bewegt sich wie ein Soldat. Empfinden wird durch Fanatismus und Ideologien gestört. Wo Ideologie ist, wird intensiv mit Gefühlen gespielt.
Was wir vom Körper wahrnehmen ist die sichtbare Seite des Leibes. Der Körper ist das, was andere von mir sehen. Leib ist das, was ich bin, Körper ist das, was ich habe - es gibt keinen behinderten Leib. Es gibt zwei Schnittstellen: die eine ist Körper und Leib, die andere Empfinden und Ratio. Mein Empfinden darf ich nie substituieren, es gibt keinen Ersatz für mein Empfinden. Vor Gemeinschaften, die das gleiche Empfinden trainieren, muss man sich hüten. Das Leben bringt die Welt zum Leben nicht die Welt das Leben.
Die Empfindungslosigkeit ist das, was wir am meisten zu fürchten haben. Jede Identität kann mir genommen werden, aber nicht meine Authentizität.
Das Ich verlässt sich auf das Mich. Vertrauen erlebe ich dort, wo andere mir meine Gefühle gestatten.
Wo habe ich mich authentisch erlebt?
Wo habe ich andere als authentisch erlebt?
Wo fällt mir mehr ein?
Wo ist die Welt zusammen gebrochen?
Welt ist die Vorstellung vom Leben und Wissen ist immer ein Vorgestelltes.
Je mehr ich mir etwas vornehme und das Ziel fixiere, um so weniger kann ich authentisch sein. Authentizität ist nicht ein gedachter Idealzustand. Wenn man Empfinden im Sinne von Leben als Reduktionismus bezeichnet, hat man keine Ahnung mehr vom Menschsein. Es ereignet sich Wesentliches zu dem die Ratio keinen Zugang hat im Empfinden: ich kann das Leben nicht ertragen, doch das Leben trägt mich.
Ich kann eine Geschichte emotional erzählen und ich kann mein Empfinden emotionalisieren. Im reinen Empfinden sind keine anderen Emotionen als das Empfinden selbst. Empfinden ist nicht Emotionalität. Gedachtes Empfinden ist Vorstellung.
Der israelische Philosoph Avishai Margalit bezeichnet als "kitsch morality" eine Form der Moralität, die auf Sentimentalität beruht. Mitgefühl birgt die Gefahr der Hohlheit, wenn es sich auf Sentimentalität stützt.(Clemens Sedmak, Mitfühlen Vortrag Päd Werktagung 2004)
Ins Empfinden kann ich mich nicht hineinsteigern, in die Emotion schon. Emotion ist zur Schau stellen.
Für welche gezeigten Gefühle bin ich gelobt worden?
Das Hören auf das Echte, die Klarheit ist das reine Gefühl.
Wenn Empfinden meine Würde ist und die Würde der Person unantastbar, ist das Empfinden unantastbar. Authentizität ist Selbsttreue und Selbsttreue ist nichts Gedachtes.
Systeme sind empfindungsfeindlich. Die Vorstellungen mehren und vermehren Missverständnisse. Wo Vertrauen wächst, nehmen die Vorstellungen ab. Wo Misstrauen ist wachsen die Vorstellungen. Wir scheitern nur an unseren Vorstellungen - nicht am Leben. Am Leben können wir nicht scheitern und im Leben gibt es keine Fehler. Meist fehlt in der Vorstellung viel Leben.
Der innere Kompass der Menschlichkeit ist eigentlich auf das Empfinden ausgerichtet. Doch oft sind am Lebenskompass Magnete angebracht und diese Magnete sind die Vorstellungen.
War es mir als Kind gestattet in meinem Empfinden zu leben?
Bei wem konnte ich mit meinem Empfinden sein?
Wer hat mich für ein bestimmtes Empfinden gemocht?
Wofür bin ich gemocht worden?
Man kann auch meine Authentizität weg mögen. Nur nett sein ertragen wir nicht, weil es nicht stimmt. Erwachsen werden und reif werden bedeutet: von wem möchte ich nicht gelobt werden.
Mein Empfinden kann nie mit dem Empfinden eines anderen verschmelzen. Je intensiver ich mich empfinde, desto mehr sind wir beieinander. Wir kommen nicht über Gleichheit zu einander. Gleichheit bringt nichts - wer frei ist, ist ungleich.
Im Verstummen werden trotzig die Vorstellungen und Konstrukte aufrechterhalten. Dieses Verstummen ist ein Verschweigen, in dem man sich voneinander entfernt.
Alle reden von einmalig und einzigartig, nur wenn es darum geht diese einzigartige Einmaligkeit zu leben, dann kommt der blöde Satz: "Wenn das jede/r täte!" In meiner Einmaligkeit muss ich mich in deiner Nähe aushalten und dich dazu. Überall wo Anpassung ist, ist zu wenig Authentizität. Wir müssen lernen mehr auszuhalten, weil durch das Aushalten Räume entstehen. Je weniger authentisch ich bin, desto weniger akzeptiere ich den anderen.
Ichsein heißt einsam sein (Karl Jaspers)
Selbstbilder sind oft Überforderungen und dann brechen die Vorstellung zusammen und das Leben lebt sich weiter. Wenn ich für dich nichts mehr empfinde, dann stirbt diese Empfindung, aber nicht mein Empfinden. Authentisch leben schützt mich vor Fragen, die nicht adäquat sind. Für mein Authentischsein gibt es keine äußeren Bedingungen, um daran Authentizität zu messen.
Dort, wo der Mangel kompensiert wird kippt die Passion in Obsession . Authentischsein kann ich mir nicht ausdenken. Authentischsein ist mir nur im Rahmen meiner Möglichkeiten gegeben.
- Authentischsein bedeutet ich kann unterscheiden zwischen Sicherheit und Gewissheit, zwischen Halt und Grund. Solange ich mir noch etwas beweisen muss, bin ich nicht authentisch.
- Authentisch sein bedeutet ich kann unterscheiden zwischen zweckhaftem und sinnorientiertem Tun. Sinnvolles Tun folgt dem Empfinden und der Effekt ist die Folge.
In der Authentizität steckt immer wieder die Dynamik die eigenen Grenzen hinauszuschieben. Der Horizont wird weiter. Das Menschenmögliche zu tun ist etwas Anderes, als sich oder anderen etwas beweisen zu müssen. Wer Sicherheiten nicht aufgibt, kann sich nicht weiterentwickeln. Sicherheit ist starr und bremst. Authentizität führt zur Gewissheit. Wo habe ich Sicherheiten aufgegeben und hatte die Chance in Gewissheiten zu wachsen? Sicherheiten aufgeben bedeutet Zielfixierungen verlassen und auf die Qualität des nächsten Schrittes achten.
Viele Menschen versuchen Bewerbungsbiografien zu leben. Eine Biografie ohne Brüche ist nicht authentisch.
Umbruch und Veränderung - wenn sie nachhaltig sein sollen - brauchen Zeit und Geduld. Ungeduld führt viel zu schnell in die Identität. Ein zu schnelles Beenden und Eingreifen in eine schwierige Phase kann Reifung nachhaltig behindern. Die schnell beendeten Krisen chronifizieren sich. Eine Krise, die ausgelebt wurde immunisiert gegen Rückfälle, ist aber keine Versicherung gegen neue Krisen. In Krisen braucht man Geduld, Verständnis und Unterstützung, sonst kann man die Krise nicht aushalten und durchleben. Fehlt die Unterstützung dann droht Verzweiflung und Resignation. In der Krise bin ich von anderen abhängig. Wenn jemand meine Krise nicht aushält und mir keinen Raum gibt, nehme ich meinen Hut und gehe. Durch verschwiegene Krisen verschlechtern sich die Beziehungen . Authentizität beschönigt nicht - sie nimmt das Schlimmste an und schaut hin. |