Die neuen Luxusgüter

von Günter Funke

 

Das Thema Zeit hat uns im Griff. Mit der Zeit umgehen wird eine wahre Lebenskunst. Um gut mit der Zeit umzugehen zu können, braucht es sicher einige Überlegungen zum Phänomen Zeit. Jetzt will ich nicht die ganze Philosophie der Zeit aufrollen, um zu klären, was Zeit ist.

Es hat seit dem die Menschen über sich und über ihr Sein nachdenken, immer das Thema Zeit als Problem gegeben. Dass Menschen mit der Zeit Probleme haben, ist nicht neu und doch zeichnet sich ab, dass die Moderne - wie unsere Zeitepoche genannt wird - ein ganz besonderes Verhältnis zur Zeit hat.

Das erste, was ich sagen möchte: Die Moderne ist die Zeit der ZEIT. Wahrscheinlich hat es noch keine Epoche gegeben, die so unter dem Diktat der Zeit gestanden ist, wie unsere heutige Epoche. Hier muss man sofort hinzufügen, sie ist die Zeit der gemessenen Zeit.

Wir stehen als moderne Menschen in einem verrückten Verhältnis zur Zeit. Im wahrsten Sinn des Wortes, wenn sie ver-rückt mit Bindestrich schreiben, haben Sie die Essenz des Wortes. Wir sind einfach ver-rückt in der Zeit oder wir können es auch anders formulieren. Wir sind unter dem Diktat der Zeit, weil wir die Zeit verkennen. Wir wissen im Wesentlichen nicht mehr, was Zeit ist.

Martin Heidegger hat die Unterscheidung eingeführt, von der Eigenzeit und der gemessenen Zeit als der vulgären Zeit. Alles das, was wir im Zeitmaß messen können, wird vulgär. Das ist sehr prägnant, aber auch eine sehr scharfe Kritik. Er hat dann gleich hinzugefügt, nichts misst die Zeit so falsch als die Uhr. Aber die Uhr diktiert unseren Alltag total. Da taucht ein erste Problem auf, wenn wir unter dem Diktat der gemessenen Zeit leben, werden wir vulgär und es droht die Gefahr, dass wir das Wesentliche verpassen, wenn wir uns an die Uhr halten.

Ich ahne dass jetzt Fragen auftauchen - ob es denn ohne Uhr geht. Nein, es geht nicht mehr ohne Uhr. Die Uhr ist im Zeitmaß der Technik gestellt und es gibt nichts, dass dieses Zeitmaß der Technik, der Wirtschaft und des Geldes unterbrechen darf. Das ist die Ver-rücktheit der Zeit: nichts darf still stehen.

Wo Leben von der gemessenen diktiert wird, - von der gemessenen Zeit, die die Zeit falsch auslegt - geraten Menschen zu sehr unter das Diktat der Zeit und es psychosomatische Schwierigkeiten sind die Folge. Viele Erkrankungen haben heute damit zu tun, dass wir mit unserer Wesenszeit nicht mehr synchronisiert sind.

Als die Verkehrstechnik begonnen hat, hatten die Menschen Angst, dass man körperliche und psychische Schäden davon trägt, wenn man zu schnell fährt. Man hat diese Menschen belacht - heute müsste man sagen, sie hatten Recht. Es waren nur Symbole, sie hatten geahnt, das etwas aus dem Ruder läuft.

Die Zeit beherrscht uns, weil wir sie verkennen. Das Verkennen besteht wesentlich darin, dass wir nicht mehr unterscheiden, von der Wesenszeit als der empfundenen Zeit und der gemessenen Zeit.

Aristoteles hat einmal davon geträumt: "Das goldene Zeitalter wird dann beginnen, wenn der Webstuhl von alleine läuft." Wir würden heute sagen, da war das goldene Zeitalter vorbei. Denn als der Webstuhl von alleine lief, wurde der Mensch dem Diktat der gemessenen Zeit unterworfen. Ich glaube, dass ganz viele Bemühungen, um die sich Menschen heute bemühen gegen des Diktat der gemessenen Zeit gelten. Doch es gibt kein Entrinnen.

Im Jahre 1900 betrug die Arbeitszeit eines Arbeiters 60 Stunden. In der Industrie. Jetzt nehmen wir die Landwirtschaft einmal aus. Heute beträgt die Arbeitszeit 38 Stunden. Das heißt, es gibt viel Freizeit. Nur in der Freizeit sind viele noch mehr unter dem Diktat der Zeit als in der Arbeitszeit. Manche sehnen sich danach länger arbeiten zu können, weil sie sich danach sehnen, nicht so gehetzt zu sein. Das gilt übrigens nicht nur für Beamte.

Weil man hier eine geordnete Zeit hat. Denn in die Freizeit eintreten, heißt in eine nicht organisierte Lebensform hinein zu kommen. Versuchen Sie mal in eine nicht organisierte Lebensform hinein zu kommen. In einer Zeit, in der alles organisiert wird, und zwar wesentlich nach dem Diktat der Zeit - nach der Uhr.

Was wäre denn das Wesen der Zeit? Was ist es, was wir vergessen haben?

Karl Jaspers, der als Philosoph bekannt wurde, aber auch Psychiater war, hat immer wieder einen Kranken zitiert: "Die Zeit hat etwas Verschwinderes". Nicht etwas Verschwenderisches - etwas Verschwinderisches. Die Zeit bringt alles oder vieles zum Verschwinden. Nichts bleibt, alles vergeht. Das scheint auch das Verhältnis des Menschen zur Zeit zu bestimmen. Nichts bleibt, alles vergeht und weil eh nichts bleibt, muss man jetzt viel tun.

Aber wer immer nur tun muss, weil eh nichts bleibt, kann nie gegenwärtig sein. Denn die Gegenwart ist natürlich eine ganz besondere Form der Zeit. Wer immer in Bewegung ist, kann nie gegenwärtig sein. Wo man für nichts mehr gegenwärtig ist, da bleibt auch nichts. Die gemessene Zeit hat die Gegenwart aufgelöst. Versuchen sie einmal in der gemessenen Zeit die Gegenwart zu fixieren.

Was ist den Gegenwart? Ist denn - wenn man es von der Zeitmessung her sieht - das Wort, das ich gerade im Begriff bin zu sprechen, in dem ich es ausgesprochen habe schon Vergangenheit? Von der gemessenen Zeit her gibt es nur den Umschlagpunkt von Zukunft in Vergangenheit. Wenn aber Zukunft immer in Vergangenheit umschlägt, gibt es nichts, was bleibt. Denn das Bleibende konstituiert sich in der Gegenwart. Und die gibt es nicht mehr in der gemessenen Zeit. Das ist dann eine Frage der Zeitmessung, eine Nanosekunde ist für uns überhaupt nicht mehr wahrnehmbar.

Sie können es ja in den nächsten Tagen einmal versuchen, wie lange dieser Abend gegenwärtig bleibt. Vielleicht merken Sie auf einmal, dass auch die Vergangenheit gegenwärtig sein kann.Für viele oft sehr quälend. Als Psychotherapeut ist es mein Thema, dass die Vergangenheit gegenwärtig ist mit ihrer Schwere. Es gibt auch Gelungenes, das gegenwärtig sein will. Aber wenn wir die Gegenwart nur verstehen als den Umschlagsort wo die Zukunft in die Vergangenheit umkippt, dann bleibt auch nichts.

Also brauchen wir ein neues Verhältnis zu dem, was Heidegger genannt hat, die Zeit-Ekstasen: Die Zukunft, die Gegenwart und die Vergangenheit. Der Mensch ist das Wesen, das in allen drei Zeitformen, in allen drei Zeitekstasen leben kann. Manchmal ist es sehr wichtig, sich selbst in eine Zukunft zu denken und zu fühlen, wenn die Gegenwart unerträglich wird.

Ich führe da gerne das Erleben von Viktor Frankl an, das einige aus seinem Buch "Trotzdem Ja zum Leben sagen" kennen. Er befindet sich im Konzentrationslager und kann die Gegenwart nicht mehr ertragen und er stellt sich dann vor, wie er in einem hellen, warmen Saal steht und anderen Menschen davon erzählt, wie man sein Leben in solchen Situationen nicht wegwerfen muss. Er transzendiert - wie er das nennt, die Gegenwart in die Zukunft. Und von dort wir die Gegenwart auf einmal anders und ein bisschen erträglicher. Wir sollten nicht sagen, wenn jemand aus seiner Gegenwart flieht, dass das Flucht ist. Vorstellen heißt Zukunft vorweg nehmen.

Es ist sehr, sehr wichtig, dass wir uns daran erinnern, dass wir als Menschen ausgezeichnet sind, in diesen drei Zeitdimensionen zu leben und dass es sehr wichtig ist, sich diese Zeitdimensionen auch zugänglich zu machen. Eins bleibt natürlich immer. Auch wenn ich die Zukunft vorweg nehme oder die Vergangenheit erinnere, ist es ein Akt in der Gegenwart. Jetzt bekommt auf einmal Gegenwart eine andere Dimension, als nur das Bekannte Hier und Jetzt. Im Psychochargon wird das oft benutzt - als ob es nur das Hier und Jetzt gäbe. Was so nicht stimmt.

Gegenwart ist die Möglichkeit sich zukünftig vorweg zu sein oder sich erinnernd zu vergegenwärtigen an das, was einmal war. Denn unsere eigene Biografie ist gar nicht denkbar ohne den Faktor Zeit. Jeder von uns hat seine Zeit, in der er erinnernd gegenwärtig sein kann.

Ich werde nie vergessen, was ich in einem Altenheim erlebte. Eine alte Bäuerin saß da, schaute versunken in den blühenden Kirschbaum und musste in den Keller zur Ergotherapie. Sie sagte: "Kann ich nicht hier sitzen bleiben und einfach nur schauen." Sie durfte nicht, denn man musste etwas machen. Sie war ganz gegenwärtig und man hat gespürt, dass sie heraus gerissen wird aus der Gegenwart zu Gunsten einer Funktionalität.

Die Funktionalität ist das, woran wir alles messen.

"Wenn niemand mich fragt, so weiß ich es. Will ich es aber dem Fragenden auseinandersetzen, dann weiß ich es nicht." So schildert Augustinus die Frage nach der Zeit. Wenn niemand mich fragt, dann weiß ich es, will ich sie erklären, dann weiß ich es nicht. In aller Regel wird nur bis hier her zitiert, aber dann sagt Augustinus weiter: "Gleichwohl sag ich zuversichtlich, ich wisse, es gäbe keine Vergangenheit, wenn nichts vorüberginge und wenn nichts käme, gäbe es keine Zukunft, und wenn nichts wäre, gäbe es keine Gegenwart."

Wie qualifiziert er jetzt die Gegenwart. "Wenn nichts wäre . . ." Also Gegenwart ist die Zeit, in der das Wesentliche anwesend sein will. Gegenwärtig sein heißt, dem Wesentlichen gegenüber offen sein. Ich würde sagen zugeneigt sein, empfänglich sein usw. Deshalb kann die Gegenwart Minuten sein, Tage dauern, sie kann Wochen dauern. Je nach dem welchem Inhalt, welchem Wert Sie zugeneigt sind, welchen Wert Sie gerade dabei sind zu verwirklichen. Bis dieser Wert verwirklicht ist, ist Gegenwart. Insofern könnten wir natürlich auch sagen, wenn man von der Liebe spricht, dass die Liebe nur die Gegenwart kennt. Keine Vergangenheit und keine Zukunft. Weil Glaube, Liebe, Hoffnung ist etwas Bleibendes und das was bleibt, ist das, was ist.

Wie komme ich zu dem, was bleibt, wenn wir doch den Eindruck haben, in unserer schnelllebigen Zeit, es vergeht alles viel zu schnell. Die Philosophen, die sich mit dem Thema Zeit auseinandersetzen, sprechen davon, dass wir im Zeitalter des Beschleunigungswahn stecken. Dieser Beschleunigungswahn nimmt immer noch zu und dieser Beschleunigungswahn macht uns fertig.

Eine Definition die mir zu diesem Beschleunigungswahn sehr zutreffend zu sein scheint. Auf die Frage: Was ist Zeit? hat jemand einmal geantwortet:

Zeit ist das, was uns fehlt, wenn sich zu viel ereignet. Eine der prägnantesten Formulierungen auf philosophischem Niveau und gleichzeitig ganz nahe Lebenspraxis.

Das ist unser Problem, das Wunder der Zeitvermehrung steht aus. Es gibt viele Wunder im Neuen Testament. Selbst Jesus hat Brot vermehrt und Fische, aber nicht die Zeit. Darüber sollte man auch einmal nachdenken, warum nicht.

Die Zeit bleibt das, was sie ist. Sie ist die Möglichkeit für Wesentliches. Aber unsere moderne Beschleunigungsmöglichkeiten in der Kommunikation, auch mit ihren technischen Möglichkeiten, auch mit ihrer Mobilität vermehrt unablässig die Ereignisse. Die Ereignisse werden vermehrt. Vor fünfzehn Jahren zwei Programme, wieviel Ereignisvermehrung allein schon im Fernsehen. Wenn man nun auch noch satellitenmäßig verkabelt ist, hat man weiß ich wieviel Programme. Was sich beschleunigt und ständig vermehrt ist die Information. So dass heute kaum noch jemand weiß, wie soll ich mich richtig informieren, weil es viel zu viel Information ist. Zeit ist das, was uns fehlt, wenn sich zu viel ereignet und unser Alltag ist voll von Ereignissen. Die Ereignisse nehmen zu und wir haben die Möglichkeit über viele technische Errungenschaften an dieser Ereignisvermehrung zu partizipieren, aber die Ereignisvermehrung höhlt uns aus. Weil Ereignisvermehrung noch nicht bedeutet, das Wesentliche erfassen zu können.

Aus der Gehirnforschung ist bekannt: wenn sich zuviel und zuschnell Dinge ereignen, kann das Gehirn nicht gut verknüpfen. Um den Begriff der Nachhaltigkeit zu verwenden, der auch ein moderner ist. Nachhaltigkeit ereignet sich nicht in der Beschleunigung, sondern in den alten Tugenden der Mystik, der Achtsamkeit und der Langsamkeit.

Der Ereignisstrom der fließt und fließt und dem sind wir ausgeliefert.

Bei der zunehmenden Ereignisflut müsste man an gutes Gespür dafür haben,
was ist wesentlich?

Das müsste ich spüren, empfindungsmäßig und das darf nicht manipuliert sein und das und das ist wichtig. Habe ich noch ein Empfinden für das Wesentliche? Wie kann ich ein Empfinden entwickeln, wenn Kinder von Kindheitstagen an gelernt haben, die Zeit ist das Wesentliche und wehe man kommt zu spät. Da darf nichts Wesentliches passieren. Ein Kind das stehen bleibt und lange schaut und unterwegs spielt, dem wird gesagt, die Zeit ist wichtig. Da gibt es keine Ausrede, es darf Punkt acht Uhr am Morgen nichts Wesentlicheres geben als die Zeit an sich. Und das ist entleerte Zeit, das ist Nihilismus. Das müssen wir uns klar machen. Hier geht es der Zeit nur noch um Zeit an sich, die gar keinen Sinn hat.

Allein der Begriff Pünktlichkeit ist ja nur möglich, seit dem der Sekundenzeiger Punkte bezeichnet. Auf den Punkt gebracht. Als die Glocke schlug, ließen die Handwerker dem Hammer fallen. Ich will daran nur einmal deutlich machen, wie sehr wir - ohne zu realisieren - oft schon im Diktat der Zeit sind. Dieses auf den Punkt kommen wird vor allem durch die Vorgaben der Medien gefordert. Ich hab das in Griechenland schmerzlich erlebt. Früher hieß es, wir treffen uns um 20.00 Uhr. Ich war natürlich da und hatte keine Ahnung, dass 20.00 dort 22.00 heißt. Man hatte Sorge, dass etwas passiert sei. Aber es hat sich sehr verändert und zwar in dem Maße, in dem der Fernseher eingezogen ist in die Häuser. Die Medien geben das Zeitmaß vor. Ganz viele Haushalte richten sich nach den Medien.

"Alle Entfernungen in der Zeit und im Raum schrumpfen ein. Wohin der Mensch vormals wochen- und monatelang unterwegs war, dahin gelangt er jetzt durch die Flugmaschine über Nacht. Wovon der Mensch früher erst nach Jahren oder überhaupt nie eine Kenntnis bekam, das erfährt er heute durch die Medien stündlich im Nu. Das Keimen und Gedeihen der Gewächse, das die Jahreszeiten hindurch verborgen blieb, führt der Film jetzt öffentlich in einer Minute vor. Entfernte Stätten ältester Kultur zeigt der Film als stünden sie im Jetzt, im heutigen Straßenverkehr. Der Film überzeugt überdies sein Gezeigtes noch dadurch, dass er zugleich den aufnehmenden Apparat und den ihn bedienenden Menschen bei solcher Arbeit vorführt.
Den Gipfel der Beseitigung jeder Möglichkeit der Ferne erreicht die Fernsehapparatur. Die bald das ganze Gestänge und Geschiebe des Verkehrs durch Jagen beherrschen wird. Der Mensch legt die längsten Strecken in kürzester Zeit zurück. Er bringt die größten Entfernung hinter sich und bringt so alles auf die kleinste Entfernung vor sich. Allein das hastige Beseitigen aller Entfernung bringt keine Nähe. Denn Nähe besteht nicht im geringeren Maß der Entfernung."

Martin Heidegger.

Jetzt bekommt die Zeit noch einen anderen Begriff zur Seite. Nähe. Und wenn Sie einmal sagen: "Ich habe keine Zeit, dann können Sie auch sagen, ich habe keine Nähe zu nichts und zu niemanden. "

Das ist jetzt schon das Spannende, dass wir zwar viele Entfernungskilometer überbrücken, aber dass dieses Entfernen der Entfernung noch nicht bedeutet, dass wir in die Nähe kommen. Das ganze Phänomen der Nähe gewinnt auch unter dem Aspekt der Gegenwart natürlich an ganz großer Bedeutung. Gegenwärtig sein - könnten wir weiterformulieren - heißt nahe sein. Nahe sein solange dieser Wert oder dieser Mensch, dem ich nahe sein will, diese Nähe braucht, um gelebt zu werden. Sie wissen alle aus der Erfahrung das dieses hastige Entfernen der Zeit: Ich muss noch schnell dahin, keine Begegnungsmöglichkeit mehr zulässt. Es kommt nicht zur Nähe. Es kommt in der nicht vorhandenen Nähe nicht zur Begegnung durch die nicht stattgefundene Begegnung entsteht eine innere Leere, die wiederum noch mehr antreibt, noch mehr Entfernung schnell zu beseitigen in der Hoffnung, durch das schnelle Beseitigen von Entfernung endlich in die Nähe zu kommen. Es gibt kaum eine schönere Geschichte als das Phänomen der Nähe zu beschreiben. Es ist die Geschichte vom Fuchs und vom kleinen Prinz. Da merken Sie was, es heißt in die Nähe zu kommen und da muss der Ereignisstrom unterbrochen werden.

In manchen Managementzeitungen und in vielen, vielen Büchern wird propagiert, dass das menschliche Gehirn in der Lage ist viele Dinge gleichzeitig zu tun und dass wir doch möglichst unsere Gehirnkapazität ausschöpfen sollten. Wir sollen lernen viele Dinge gleichzeitig zu tun. Genau das ist falsch.

Nehmen sie einmal den Begriff der Gleichzeitigkeit. Zeit ist das, was das eine vom anderen trennt. Die Gegenwart von der Vergangenheit. Die Nacht vom Tag. Wenn wir aber in die Gleichzeitigkeit hinein gehen, gibt es nichts Trennendes mehr. Es gibt nichts Trennendes mehr, d. h. es gibt keine Unterschiede mehr, auch keine Wertstruktur mehr. Es ist alles gleich-gültig.

Die Gleichzeitigkeit führt zur Gleichgültigkeit.

Mit der Zeit unabdingbar verbunden, ist die Sinnfrage. Wir wissen durch die lange Zeit der Forschung und vor allem durch Viktor Frankl, dass Leben nur dadurch sinnvoll wird, in dem es uns gelingt, Werte, die wir spüren zu verwirklichen. Das gehört unbedingt zum Zeitthema. Da wird Zeit ein Luxusgut, weil die Zeit nämlich das Innewerden eines Wertes bedeutet. Ich spüre einen Wert, etwas, das mich angeht, von dem ich weiß, ich soll es tun, weil ich es auch von innen her bejaht habe. Diesen Wert zu realisieren, braucht Zeit und da fällt mir dann schon der Satz aus dem Alten Testament ein, alles hat seine Zeit.

Übersetzen Sie das einmal mit - alles hat seine Nähe. In welcher Nähe lebe ich gerade. In welche Nähe, zu welchem existentiellen Wert stehe ich gerade? Überlegen Sie einmal, wenn sie alles möglichst gleichzeitig machen, geht verloren, dieses unbedingt Notwendige Empfinden für das Werthafte. Das eigene Wertempfinden geht verloren.

Es gibt eine Grundübung, versuchen Sie es. Wenn Sie wieder Zeit im existentiellen Sinn gewinnen wollen, machen Sie eins nach dem anderen und wenden Sie sich gegenwärtig den Dingen zu, die sie tun und sie werden merken: jetzt kommt es darauf an, tu ich Wesentliches?

Wer Wesentliches tut, ist fast immun gegen das Unwesentliche. Es gibt keinen anderen Weg, als diese Üben. Es nützt auch nichts, wenn ich ihnen aufzähle oder jemand andere sagen würde, was wesentlich sei. Dieses Wesentliche muss jede/r von uns erproben in der Gegenwärtigkeit dessen wohin ich mich wende und was ich jetzt tue.

Ich möchte noch einmal betonen, dass wir Zeit gewinnen, wenn wir aufhören Dinge gleichzeitig zu tun. Vor allem sollte man aufhören Zeit sparen zu wollen. Das wird uns auch immer versprochen. Man benutzt Dinge, die Zeit sparen. Ich glaube, das ist klar. Zeit kann nicht gespart werden. Wir können nur bestimmte Dinge schneller erledigen und sofort rutschen die anderen Dinge nach, die zu erledigen sind. Niemals hat man mehr Zeit, in dem man Dinge schneller erledigt. Man muss nur mehr tun.

Wenn sich aber ein Mensch in seinem Selbstwert über die Menge des Tuns definiert und nicht über die Qualität des Tuns, dann ist natürlich die Gleichzeitigkeit zunächst einmal die große Rettung.

Wer zwei Dinge gleichzeitig tut, hat nichts wirklich getan und das hinterlässt, wenn man dann in seine eigene Biografie schaut, diese innere Leere. Das heißt die Gleichzeitigkeit führt in die Sinnlosigkeit.

Ein nächste Gedanke ist auch wichtig, dass wir uns erziehen: Der Satz ich habe keine Zeit gilt nicht. Wir haben immer Zeit für etwas. Das ist unerbittlich, lassen Sie ich und anderen diesen Satz nicht durchgehen. Es sei denn es ist so, dass wer keine Zeit hat, ist ein gefragter Mensch. Viele versuchen mit dem keine Zeit haben, ihren Selbstwert aufzupuschen. Ich habe immer Zeit für etwas. Wofür will ich Zeit haben?

Wenn man keine innere Wertestruktur mehr hat, wenn man nicht mehr fühlen kann, was wesentlich ist, ist man ausgeliefert an die Zeitgeber von außen. Da beginnt dann das Problem. Die Zeit will nicht gemessen sein, sie will empfunden sein.

Dass die Zeit etwas Verschwinderisches hat stimmt nur bedingt. Deshalb konnte Frankl sagen, wir müssen unterscheiden zwischen dem, was vergangen ist und dem, was vergänglich ist.

Frankl meinte - und da hat er recht - dass viele Menschen Angst haben vor ihrer eigenen Vergänglichkeit. War alles umsonst? Bleibt irgendwas? Ein Wert, will er gelebt werden, braucht mich ganz. Merken sie, wenn man zu sehr beschäftigt ist und für nichts wirklich Zeit hat, dass man dann seine eigene Minderwertigkeit vorbereitet, weil mein Wert sich aufbaut, mit jenen Werten, die ich mit meiner Zeit auch verwirkliche. Die Zeit - die ich z. B. einem anderen schenke - ist wahrscheinlich die kostbarste Zeit, die wir haben.

Vergänglich ist das, was wir nicht realisieren. So Frankl. Vergänglich sind die Werte, die dann weil wir keine Zeit haben oder weil wir zuviel gleichzeitig tun, an uns vorbeirauschen. Wir sind wirklich, wie in einem Rausch und wenn wir dann zu uns kommen, merken wir, wir haben einen existentiellen Kater. Das nennt Frankl übrigens, das existentielle Vakuum. Das ist wirklich der Kater der Seele nach zuviel Ereignissen und es ist doch nichts gewesen. Deshalb ist es schon sehr wichtig, dass wir uns des Luxusgutes Zeit bewusst werden und sagen: Zeit ist immer eine Möglichkeit für Etwas.

Als pragmatische Übung kann man schon seinen Kalender hernehmen und sich fragen, will ich dafür gelebt haben?

Sie kennen ja die Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral von Heinrich Böll. Der Fischer, der am Morgen rausgefahren ist, seinen Fang gemacht hat und jetzt am Ufer sitzt und den Tag genießt. Dann kommt ein Tourist, der sagt: "Schauen Sie, Sie vertun ihre beste Zeit, sie könnten wieder rausfahren und noch mehr Fische fangen und mehr verkaufen. Dann hätten Sie mehr Schiffe und eine Fabrik. Und der Fischer fragt: "Was soll ich damit?" "Ja dann könnten Sie sich an den Strand setzten und brauchten nichts zu tun." Darauf sagt er: "Das tu ich ja jetzt schon!"

Der Fischer hat erkannt, dass Zeit ein Luxusgut ist. Zeit zum Verweilen, Zeit zum Träumen, Zeit zum Besinnen. Er hat den Ereignisstrom reduziert.

Alle lebendigen Religionen wissen, wie wichtig es ist, den Ereignisstrom zu unterbrechen. Mindest dafür ist der Sabbat gedacht. Sabbat heißt: da sollst du keine Arbeit tun. Heute müsste man sagen: Da sollst du keine Freizeit tun. Sabbat wäre vom Existentiellen her, die ganze Hinwendung zu etwas oder zu jemandem, der mich jetzt braucht und in diesem Hinwenden nicht an die Uhr zu denken. Überlegen Sie einmal selbst genau: Wann war ich Zeit vergessen? Wann habe ich das letzte Mal die Zeit vergessen?

Es gibt kein besseres Zeichen für Lebendigkeit als das Vergessen der gemessenen Zeit. Kinder vergessen die ständig. Das zeigt auch, wie lebendig sie sind. Ich würde kein Kind auf Zeit trimmen, sondern auf das Verweilen können. Da merkt man auch, Zeit ist ein ganz subjektives Empfinden, dass eine Stunde lang oder kurz sein kann, liegt nicht an der gemessenen Zeit. Sechzig Minuten sind sechzig Minuten in der Physik. Nur die Physik kann nicht erklären, warum eine Stunde lang oder kurz empfunden wird. Das hat mit dem Inhalt zu tun. Wenn es ein Wert ist, ist die Zeit meistens schnell vorbei. Wenn es ein Unwert ist dauert sie viel zu lange. Interessanterweise schaut man ja dann ständig auf die Uhr. Und sie rettet uns nicht. Das Empfinden sagt, jetzt könnte eigentlich Schluss sein und da merkt man so ein ausgeliefert sein. Das hat ganz mit dem Eigenen zu tun.

Diese Zeiterfahrung, wenn man den Eindruck hat, es war schnell vorbei und das was im Empfinden bleibt, ist in der Rückschau die Fülle. Das heißt, dort, wo ich die Zeit vergessen habe, war ich ein bisschen in der Ewigkeit, weil Ewigkeit keine Zeit ist. Ewigkeit ist Aufhebung von Zeit. Deshalb ist das selbstvergessen sein eine solche Wohltat, dass man den Eindruck hat, das war Ewigkeit und von dieser Ewigkeit wünsche ich Ihnen ganz viel.