DIE DYNAMIK DES SCHEITERNS Günter Funke, Berlin Scheitern ist eine Grenzerfahrung. Es ist die Erfahrung der Grenze, an der wir eingestehen müssen, »es geht nicht mehr - so geht es nicht mehr«. Die Kraft reicht nicht aus, das Ziel war zu hoch, ich habe mich verschätzt und überschätzt, habe mich übernommen, zuviel gewollt. Eine Grenze ist erreicht. Und diese Grenze nötigt uns etwas ab, wir müssen etwas oder uns verändern, meistens beides zusammen. Dieses Scheitern ist oft der Schritt in eine neue Lebensqualität, zwar schmerzhaft, sicher, Scheitern tut weh. Je wichtiger mir das war, woran und womit ich scheiterte, je mehr ich investiert hatte an Hoffnung, an Kraft, an Liebe, an Zeit, auch an Geld, desto schmerzlicher erlebe ich das Scheitern. Scheitern ist nicht schön. Ist es nicht? Ein wunderbares Symbol für das »schöne Scheitern« ist Alexis Sorbas. Und seinen Spruch zum Ende des Filmes hin: »Hast Du schon jemals so schön etwas zusammenbrechen gesehen?« Die ganze Arbeit - umsonst. Die ganze Investition - vergebens, und Sorbas zeigt köstlichsten Humor. »Hast Du gesehen, wie sie gelaufen sind, vor allem die Priester. Die waren zuerst weg. Ich finde diese Hintergründigkeit köstlich. Wer Ewigkeiten hüten muß und will, wird schwer scheitern können in der Alltäglichkeit, denn Ewigkeiten sind sehr gewichtig, da braucht es auch keinen Wechsel der Blickwinkel. Das Scheitern des Alexis Sorbas macht sich auf ins Leben hinein, in den Tanz. ins Lachen, in die Musik, in die Gemeinsamkeit, in die Erotik. »Hast Du schon jemals etwas so schön zusammenbrechen gesehen?« Wenn diese Ebene des Humors erreicht ist, ist auch eine Therapie zu Ende. Dann ist man über das Scheitern hinausgewachsen und beginnt den Tanz des Lebens. Aber es gibt auch ein anderes Scheitern in diesem Film, ein Scheitern, das mich jedesmal, wenn ich diese Szene sehe, zutiefst betroffen macht, ein Scheitern, das bis zur Unerträglichkeit geht. Ich meine die Szene, in der die junge, schöne Witwe ermordet wird. In der Kirche wird die Messe gefeiert, drinnen wird gesungen, gebetet - und auf dem Platz, draußen vor der Tür wird gemordet. Die Türe, schwere, große Türe wird geschlossen, der Gottesdienst darf nicht gestört werden und der Gottesdienst darf nicht stören was geschieht, darf das Unheil nicht wenden. So feiert die Kirche sich selbst, abgeschlossen in ihre heiligen Räume, eingesperrt sozusagen, ohne Bedeutung für die, die scheitern, denen der Tod droht. Und die Frage drängt sich auf, was das Eine mit dem Anderen überhaupt noch zu tun hat, das »Drinnen« mit dem »Draußen«. Wenn das Feiern der Messe keine Bedeutung hat für das alltägliche Leben, für die Humanität, dann ist auch die Messe schon gescheitert, und die Kirche an und mit ihr. Das hat Dietrich Bonhoeffer schon kurz nach der Machtergreifung Hitlers der Kirche ins Stammbuch geschrieben, als er in seiner Streitschrift "Wider den Arierparapgraphen in der Kirche« formulierte: »Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen.« Kommen wir zurück zum Scheitern im Alltag, von dem ich sagte, es sei sehr wichtig, weil wir lernen, trotz des Scheiterns zu leben. Und das ist etwas sehr Befreiendes und Hoffnungsvolles. Wir stellen fest, daß uns nichts endgültig Gutes gelingt. nichts endgültig Perfektes. Die Welt bleibt rätselhaft. Und wie sehr wir uns auch anstrengen mögen, diese Welt zu verbessern, es bleibt fragmentarisch. Und diese Einsicht anzunehmen, sie auszuhalten, ist wichtig und heilsam, denn sie bedeutet nicht Rückzug, sondern Einsicht und wäre ein erster Schritt, um aus der Dynamik des ständigen Scheiterns und der ständigen Enttäuschung und Frustration auszusteigen. Obwohl wir wissen, daß uns nichts endgültig Gutes gelingt, müssen wir dieses Gute doch tun, wir müssen es versuchen. Nicht aus Überheblichkeit, sondern aus der Einsicht der Begrenzung. Das ist eine ständige Grenzerfahrung. Aber Grenzerfahrungen vermitteln nicht nur die Erfahrung des Scheiterns, sondern auch eine Gewißheit, nämlich eine grenzenüberschreitende Gewißheit einer alles Begrenzte tragenden Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, von der wir nichts wissen, als daß sie vorhanden ist. Eine Wirklichkeit, die wir unter keinem Mikroskop sichtbar werden lassen und in keiner Statistik erfassen können. Aber es ist die Wirklichkeit, die alles aus macht. Von den Atomen unserer Körperlichkeit bis hin zu den Elementen unserer Gefühle und Gedanken reicht diese Wirklichkeit durch alle Begrenzung hindurch über sie hinaus in ein Unbegrenztes, in dem wir uns letztlich aufgehoben wissen. Diese Erfahrung im Scheitern ist lebensnotwendig und hat eine Dynamik hin zur Lebensgewißheit. Aber es stellen sich weitere Fragen: Wann droht das Scheitern zu einem Zerbrechen des Lebens zu führen, wann provoziert das Scheitern gleichzeitig die Unmöglichkeit zu leben? Wann ist größte und höchste Gefahr? Wann wird das Scheitern radikal? Auch diesen Fragen müssen wir uns stellen. Das Scheitern erreicht dann einen radikalen, gefährlichen Höhepunkt, wenn wir sagen, daß uns das Leben zu einer unerträglichen Last zu werden droht. Umgangssprachlich sagen wir dann, das Leben sei zu schwer geworden, es ist nur noch Last. Was bedeutet das, wenn das Leben nur noch Last ist, sodaß ein endgültiges Scheitern in den Blick gerät? Wir müssen weiter fragen und die Frage konkretisieren. Das Leben wird zur Last! Das Leben, das selbst die Grundlage allen Tragens ist, soll sich selbst zur Last werden? Sind es nicht die Schicksalschläge, dieses oder jenes Furchtbare das zu stößt? Das Furchtbare wird dann zur zerstörenden Macht, wenn es dem Leben die Möglichkeit raubt, sich noch einmal zu steigern, sich zu verfeinern, zu kultivieren, einen Sinn zu finden. Wenn dies nicht mehr möglich ist, sagen wir, daß das Leben zur Last wird, es ist das Leben selbst. Und genau dann, wenn sich das Leben selbst zur unerträglichen Last wird, wenn es sich tragen muß, ohne sich tragen zu können, dann wird die ganze Dramatik des Scheiterns deutlich. Das lebensverneinende, zerstörende Scheitern beginnt dann, wenn wir an einen Punkt der Unerträglichkeit gekommen sind. Ich kann nicht mehr! Ich kann das Leben, mein Leben nicht mehr ertragen, aber ich muß es. Wie kann es dazu kommen? Welche Barbarei ist da wirksam? Es ist von größter Wichtigkeit, daß wir diesen Punkt genau markieren und erfassen. Denn wenn wir das Scheitern nicht von diesem Punkt her verstehen, dann droht angesichts des vielen Scheiterns, mit dem wir in unserer Zeit konfrontiert sind, nur allzuoft das moralische Verurteilen und ein Unverständnis. Es droht ein nur oberflächliches Entsetzen, das allzuschnell billige Verbesserungsvorschläge aus der Tasche zaubert. Um helfen zu können, müssen wir verstehen. Und so müssen wir verstehen, was es mit diesem letzten Scheitern auf sich hat, an dem so viele Erwachsene und auch Kinder entsetzlich leiden. Um einen Anfang des Verstehens machen zu können, müssen wir fragen, wie es zu diesem radikalen Scheitern kommen kann. Um dies verstehen zu können, müssen wir weiterfragen, und dieses Weiterfragen führt uns zu einer vorläufig letzten Frage, zur Grundfrage, die nun lautet: »Was ist das Wesen des Lebens die Wahrheit des Lebens.« Denn wenn dieses Wesen nicht mehr gewährleistet ist, dann scheitern wir radikal. »Was will das Leben - weil es lebt?« Um diese Frage zu beantworten, genügt es nicht, von Definitionen oder Beschreibungen auszugehen, die nicht aus dem Leben selbst geboren sind. Vieles, was heute im Wissenschaftsbetrieb vom Leben und über das Leben gesagt und gedacht wird, entstammt nicht dem Leben selbst, sondern den abgeleiteten Formeln eines wissenschaftlichen Welt- und Menschenbildes. Was will das Leben? Was ist sein Ureigenstes? Was will das Leben mit uns, wenn es sich an uns verschenkt, sich an uns gibt, ja, sich uns aufdrängt? Viele von Ihnen kennen die Gedanken von Kahlil Gibran, die er in dem schönen Band »Der Prophet« niedergeschrieben hat. Da spricht er auch von den Kindern und vom Leben. Und er hat in poetischer Weise etwas ausgedrückt, dem ich nun auch phänomenologisch noch nachgehen will. Er sagt: »Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.« Haben Sie diesen Satz schon einmal hintergründig meditiert? Vor allem die Aussage von der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst? Das ist eine wunderbare, tiefsinnige, phänomenologische Aussage bester Qualität. Das Leben sehnt sich nach sich selbst, um sich an sich selbst steigern zu können, um an sich zu sich zu kommen. Und mit dieser Sehnsucht hat das Scheitern zu tun, denn die Sehnsucht des Lebens nach sich selbst kann nicht mit irgendeinem Ersatz, nicht mit irgendeinem Surrogat erfüllt werden. Das Leben wird ver-rückt, wenn es nicht zu sich selbst kommen kann in der Welt, in die hinein es sich ja unablässig gibt. Was ist das Leben? Was ist gemeint, wenn wir anklagend, beschwörend, verzweifelnd herausschreien »ich will leben«, oder resignierend nur noch, kraftlos in der Lage zu sagen, zu stammeln sind: »Ich kann nicht mehr«, und dieses »ich kann nicht mehr« das ganze Können des Lebens in diesem Augenblick ist? Nicht mehr und nicht weniger! Ich habe es schon am Mittwoch in der Diskussion mit Frau Gronemeyer anklingen lassen und gesagt, daß das Wesen des Lebens ist, sich zu steigern. Und Frau Gronemeyer fragte ja auch mit Recht kritisch nach, ob das nicht eine neue Umschreibung einer billigen Selbstverwirklichungstheorie sei. Aber ich bleibe dabei, daß Lebenssteigerung etwas dimensional anderes ist als Selbstverwirklichung. Über legen Sie einmal: Wenn in den Kindern sich die Sehnsucht des Lebens nach sich selbst artikuliert, dann wird darin etwas von der Lebenssteigerung sichtbar. Leben will sich steigern, will sich verfeinern, will sich differenzieren, sich sensibilisieren. Steigern meint nicht das narzißtische sich aus sich selbst beziehen und sich darin verschließen. Was tut das Leben, wenn es sich steigern will? Es sucht aus, es wählt aus, woran es sich steigern kann. Alles Steigern braucht ein Woran. Und das Leben ist wählerisch, anspruchsvoll, sehr anspruchsvoll. Leben will nicht unter seinem eigenen Niveau sein. Vielleicht ist der Wohlstand, den wir uns leisten ja gar nicht Ausdruck eines Lebensniveaus, sondern Ergebnis der Niveaulosigkeit schlechthin. Denn unser Wohlstand hier mehrt die Armut dort. Kann sich Leben dann noch steigern, wenn die Bereicherung der Reichen auf der Ungerechtigkeit gegenüber den Armen besteht? Nein, der Wohlstand ist keine Lebenssteigerung von sich aus. Glück ist auch keine Lebenssteigerung aus sich heraus. Leben kann nicht unter seinem Niveau sein und deshalb wählt das Leben aus, woran es sich steigern kann, etwas, was ihm im Wesen entspricht. Wir sind der Lebenssteigerung auf der Spur, wenn wir daran denken, daß die Liebe wohl die höchste Form der Lebenssteigerung ist. Die Liebe erkennt im Gegenüber das Du, erkennt im anderen das Leben, in dem wir gemeinsam stehen, in das wir gemeinsam eingetaucht sind. Letztendlich suchen wir im Miteinander, sei es in der Partnerschaft, in der Schule, der Psychotherapie nicht eine Funktionalität, nicht das rationale, funktionale Wissen, sondern wir suchen die Lebendigkeit des Lebens im anderen. Leben sucht Leben, um sich daran zu steigern. Das ist ein ganz entscheidendes Kriterium der Selbstverwirklichung, ob in ihr das Leben zum Thema gemacht wird und nicht irgendeine psychische Instanz die Oberhand gewinnt und sagt, was Lebenssteigerung ist. Das Leben ist niveauvoll, wir können auch sagen: Das Leben ist heilig. Und von altersher bedeutet Gott dem Menschen das Leben schlechthin. Ich bin sehr dafür, daß wir das Leben wieder als etwas Heiliges betrachten, als das Heilige. Und für dieses heilige Leben, das sich in jedem Menschen manifestiert, braucht es Schutzräume, sei es nun Kirchenasyl oder eine UNO-Schutzzone. Aber die Frage bleibt darüber hinaus: »Wer schützt denn das Leben?« Denn sobald wir das Leben in irgendeiner Weise funktionalisiert haben, ist es nicht mehr heilig. Was aber heißt »heilig«? Was bedeutet es, wenn die Menschen seit Urzeittagen das Leben in Gott und Gott im Leben gesehen haben? Heilig, im Verständnis der Phänomenologie meint, daß das Leben in sich nichts Fremdes hat, daß es zu sich selbst keinen Abstand hat, im Leben ist kein »Zwischen« da, da steht nichts dazwischen, weil das Leben ganz es selbst ist und nichts anderes sein kann. Heilig sein, heißt, ganz sein. Deshalb sprechen wir auch von Gott als dem Heiligen. Damit ist kein unendlicher Abstand von uns Menschen bezeichnet, sondern sein Heilsein als Ganzsein, als unumstößliche Beziehungsfähigkeit, die auch den Tod überwindet. Gott kann nichts anderes sein als er selbst, die Liebe kann nichts anderes sein als sie selbst. Alle Lebensphänomene haben diese Evidenz oder, wie wir es auch aus drücken können, eine schlichte Selbstverständlichkeit. Leben versteht sich aus sich selbst. Es ist von nichts anderem abzuleiten, nicht einmal aus dem Urknall, denn der setzt Leben voraus. Sobald Leben abgeleitet ist von etwas anderem als von sich selbst, als von oder aus Gott, wird es verfügbar, funktionalisierbar. Und an der Funktionalität scheitern wir furchtbar. Um sich zu steigern, will das Leben sich auch ausdrücken. Es will sich aber auch in dem, was es ausdrückt und in dem wie es sich ausdrückt, wiedererkennen, Ich mache die Erfahrung, daß ich in manchem, was ich ausdrücke und tue, mich nicht wiedererkenne, daß ich sage »Das war doch nicht wirklich ich«. Und da merke ich etwas von Entfremdung. Und doch bleibt die Sehnsucht ganz klar, daß ich, in dem, was ich tue und denke und fühle, mich selbst als lebendig wiedererkenne. Das Leben will sich ausdrücken und es will sich in dem, was und wie es sich ausdrückt, wiedererkennen. Und deshalb ist sehr wichtig zu verstehen, daß nicht die vorgesetzten Normen, nicht die vorgesetzten Werte, nicht die vorgesetzten Tugenden letztendlich das Leben steigern. Es sei denn, das Leben erkennt sich selbst darin wieder. Und das hätte etwas ganz spannendes mit Ethik zu tun. Ethik ist nicht das Vermitteln von Verhaltenswissen, indem man sagt »und das tust Du jetzt«! Ethik, und dort erst beginnt Ethik, Ethik zu sein, entsteht dort, wo das Leben sich in den Werten, die es selber setzt und die in der Geschichte der Menschheit ja auch immer schon gesetzt sind, wiedererkennen kann. Das ist ja auch für die Pädagogik ein so wichtiger Prozeß: wie können wir den erreichen? Nicht durch Belehrung, sicher nicht. Sondern indem wir uns selbst und den Kindern helfen, daß wir uns wiedererkennen als Lebendige in dem, was Ethik meint. Das ist letztendlich in dem Satz von Albert Schweitzer ausgedrückt »Ehrfurcht vor dem Leben«! Zwei Beispiele: Da geht ein Mann spazieren, der hat einen Marder scheinbar gezähmt und hat ihm wirklich ein Zaumzeug umgelegt und der Marder rennt natürlich hin und her und versucht, immer wieder ins Gebüsch zu entkommen. Der Mann hält ihn fest. Meine Söhne stehen da, sehen zu und auf einmal fängt der kleinste an zu rufen: »Tierquäler, Tierquäler! « Was hatte er gefühlt? Da geht der Mann mit dem Marder und der Kleine beginnt den Mann zu beschimpfen. Ich habe schon den Impuls in mir gefühlt: »Pst, sei ruhig!«. und wollte dann auch noch erklären, daß das ja vielleicht alles noch geht usw. Was meldet sich in diesem Kind? - Lebenswissen. Eine ganz tiefe Anständigkeit. Der Junge wußte, was sich gehört. Kein Kind erträgt, wenn ein Tier stirbt. Kein Kind erträgt, wenn ein Tier geschlachtet wird. Kein Kind erträgt Tiertransport. Immer wieder wenn wir an Tiertransporten vorbeifahren wird gesagt: »Die armen Tiere.« Das hat etwas mit Ethik zu tun. Das ist nicht das unaufgeklärte Kind, sondern das ist die Repräsentation von Lebenswissen, das weiß, was sich gehört und was sich nicht gehört. Und dann kommen unsere rationalen Argumente. Ja die Tiere müssen leiden, damit die Wirtschaft boomt. Und wer das versteht ist erwachsen, der ist aufgeklärt und der hat eine ethische Gesinnung - und dann sind wir gescheitert. Es ist ja nicht nur eine schöne Romantik, immer wieder von den Kindern zu sprechen und sie - ach so nett, zu machen. Sie sind ja auch nicht nur nett, das braucht man mir nicht zu erzählen, wenn ich ständig mit Kindern umgehe. Aber es geht um dieses prämoralische, ontologische Selbst und Wertverständnis. Schlimmer Satz prämoralisch, vor aller Moral. Ontologisch, im Sein vorhanden, gar nicht über das Wissen zu erschließen, sondern eher über das Fühlen. Das Kind weiß es nicht, aber es fühlt es. Das prämoralische, ontologische Selbst- und Wertverständnis. Darin offenbart sich etwas von Leben. Der Geist macht lebendig, heißt es bei Paulus, aber der Buchstabe tötet. Das hat genau damit zu tun. Wir kommen nicht heran und wir werden das Scheitern nicht verhindern, wenn wir versuchen, die Welt zu normieren. Das wird nicht gehen und das wird uns nicht gelingen. Aus diesem Blickwinkel heraus, ist für mich dann auch das Kirchenvolksbegehren ein Akt des Lebens, wieder zu sich selbst zu kommen. Wenn man es versteht von daher. Da leiden Menschen daran, leiden wirklich und sagen »in dieser Form von Kirche kann sich Leben nicht mehr steigern, da kann man nicht mehr glauben« und dann meldet sich das Leben und will nicht zerstören, will Kirche nicht zerstören, will keinen Bischof erhängen, sondern es geht darum, nach neuen Formen zu suchen, in denen das Leben sich wieder steigern kann, daß es sich selbst gerecht wird. Denn wenn sich das Leben in vielen Dogmen und Lehrinhalten und Ordnungen nicht mehr finden läßt, dann ist es ihm unmöglich, sich zu steigern und dann muß etwas geschehen. Ethik, davon bin ich überzeugt, ist ein großes Feld der Lebenssteigerung, aber sie ist nur so lange möglich, wie sich in allen Bereichen ethischer Verpflichtung das Leben an sich selbst gebunden erlebt und erfahren kann. Es gibt keine Normen, die dem Leben vorschreiben, wie es sich zeigt, gibt und erfahren kann. Denn wenn es Normen und Werte gibt, die dem Leben vorschreiben, wie es sich realisieren kann, dann dürfen diese Normen nur dem Leben selbst entspringen. Das Leben verleiht den Dingen den Wert, die durch sich selbst keinen haben. Und das nur insofern, wie die Dinge und die Normen dem Leben entsprechen. Das Leben will sich nicht in einer groben, rohen unterentwickelten Form vollziehen, in einer Form, die auch kulturell unterentwickelt ist. Leben will sich verfeinern, meidet von sich aus alles Grobe und sucht in der Kunst, in der Religion, in der Philosophie und in der Kultur seine Steigerung. Aber auch in allen alltäglichen Verrichtungen, wie Nahrung zu sich nehmen, in der Kleidung, in der Wohnung. in der Arbeit und in der Liebe. In allem Tun will sich Leben als Leben offenbaren können. Das ist das Schwierige, das ist von außen her nicht zu beschreiben. Sie könnten mich ja jetzt fragen: »Dann sagen sie uns doch, wie macht man das, woran macht man das, wie macht man eine Kultur des Essens, eine Kultur des Liebens usw.« und ich würde beschreiben und viele von Ihnen müßten sagen »Nein, darin erkenne ich mich nicht wieder. Das ist Deins, aber vielleicht nicht meins.« Wir können, wenn wir Phänomenologie betreiben, nur bis auf diesen Punkt verweisen: Leben will sich steigern. Und es ist die Frage, ob Sie das nachspüren können, daß das dem Leben entspricht und daß wir keine Angst haben vor Lebenssteigerung, weil Lebenssteigerung Kultur ist, weil Lebenssteigerung Ethik ist, weil Lebenssteigerung Liebe ist. »Liebe und dann tue, was du willst« hat Augustinus gesagt. Das geht in diese Richtung. Daran kann sich Leben steigern und das verträgt keine Vorschrift von außen. Es ist eine abgrundtiefe Angst da, dem Leben freien Raum zu geben. Es wird das Chaos beschworen. Es kommt nicht dazu. Das Chaos entsteht dann, wenn wir dem Leben keinen Raum geben. Was heißt es, wenn wir in der Schule sagen, daß wir für das Leben lernen? Oder lernen wir lediglich für Zwecke, für Sachzwänge, die von außen suggeriert werden. Denn nach der Entfernung der Kultur aus der dem Profit gewidmeten Welt, sind wir nun mittlerweile dabei, auch die Kultur aus der Schule und aus der Universität verschwinden zu lassen. Die am Profit und an der Geldvermehrung orientierte Welt hat für Lebenssteigerung im Sinne von Ethik keinen Raum mehr. Das wäre jetzt ein anderes Thema, das genau zu eruieren, ich kann es nur als These vertreten, weil in der technisch wissenschaftlichen Welt das Leben selbst herausgefiltert worden ist. Es sind nicht mehr die Menschen selbst, die darüber befinden, welche Erfindung gut ist, sondern die Technik ist in einem Stadium, in dem sie sich ständig selber weiterfindet und überhaupt keinen Rückbezug zum Leben mehr hat. Und das ist die Dynamik des Scheiterns, in der wir auch alltäglich drinstecken. Und diese Dynamik des Scheiterns macht mir wirklich Angst. Also: Leben bedeutet auch Kultur. Aber die Kultur ist ausgeschieden aus einer Welt, in der es nur noch um den Profit geht. Aber was kann eine Schule und eine Universität bedeuten, wenn man aus ihr die Kultur vertreibt, wenn man sich die Kultur erspart. Das ist fast der Test für eine Gesellschaft, was sie vom Leben verstanden hat. Wenn man in knapperen Zeiten, zuerst beginnt, an der Kultur zu sparen. Was zuerst ausfällt, ist vielleicht der Sportunterricht. Dann hat man in Österreich die Klassenfahrten und die Schilager gestrichen. Und viele haben mir gesagt: »Ja da war Begegnung und Leben und das hat soviel für die Klassengemeinschaft gebracht. Da setzt man den Rotstift an!« Wer kommt auf so etwas, wie kurzsichtig, wie selbst schon funktionalisiert sind wir, daß es nicht einmal einen Aufschrei an dieser Stelle gibt. Warum wird immer wieder an der Kultur gespart? Auch im universitären Bildungswesen drückt sich das Zurückweichen der kulturellen Disziplinen auf vielfache Art und Weise aus. Es ist keine Frage, daß die naturwissenschaftlichen Disziplinen auch innerhalb der geisteswissenschaftlichen Fakultäten zunimmt. Man mutet dann den Philosophen auch noch zu, Statistik zu lernen, anstatt daß man den Statistikern zumutet, Philosophie zu lernen. Um es noch einmal zu sagen: Kultur meine ich jetzt nicht unbedingt nur im Sinne der Salzburger Festspiele. Also das kann man sehen und haben wie man will. Kultur ist etwas viel, viel weiteres und breiteres und hat auch nichts mit der Vermarktung zu tun. Ich glaube mehr an die Kultur der Werktagung. An das, was sich hier ereignet und wenn ich so Stichworte höre wie »Schule der Phantasie« und das Singen, das Spielen, das Nachdenken und das wirklich einmal in einen Freiraum hineinkommen, wo sich Leben entfalten kann, weil es nicht den Zwecken unbedingt gehorchen muß. Für mich gibt es übrigens in der letzten Zeit vier große Erfolge, wenn man einmal von Erfolg sprechen will, und das hat auch etwas mit dem Leben zu tun. Immer dort, wo wir dem Leben Raum geben, kann Er-folg geschehen. Die Folge von etwas. Ein ganz ermutigender Erfolg ist das, was Greenpeace erreicht hat im Kampf um die Versenkung der Ölplattform. Das ist Engagement für das Leben aus dem Leben heraus. Wenn man die Argumentation der Politiker gehört hat: »Es kann doch nicht sein«, wird dort gesagt, »daß sich das Leben gegen Absprachen wendet. Denn das war ja doch abgesprochen auf der Konferenz, daß man das tun darf.« Ja, das war eine Absprache unter Politikern unter Ausschluß des Lebens. Und auf einmal meldet sich das Leben und dann ist man erstaunt und bezichtigt die, die das Leben verteidigen auch noch des Rechtsbruchs. Ein weiterer, für mich großer Erfolg war für mich die Verhüllung des Reichstags in Berlin. Vielleicht waren einige da. Da haben wir nicht mehr diskutiert, was ist Kunst, sondern wir haben einfach etwas erlebt. Etwas, das man auch nicht mehr erklären muß bis zum letzten. Mir hat eine Malerin vor kurzem gesagt: »Man kann auch ein Bild schön finden und weiß nicht, warum.« Vielleicht hat das auch etwas mit dem Leben zu tun, daß man nicht immer alles ergründen muß und man findet es trotzdem schön. Der andere Erfolg ist das Kirchenvolksbegehren, wirklich auch ein Erfolg. Und mir läge sehr daran, daß dieses Kirchenvolksbegehren nicht zu einem Machtmittel wird, weder für die eine Seite, noch für die andere, sondern daß man sensibel genug ist, auf beiden Seiten, um dem sich Bahn brechen den Leben zu folgen. Das ist noch nicht ganz gelungen. Und es geht hier nicht um einen Sieg, sondern es geht darum, ob wir dem Leben auf der Spur bleiben. Und der vierte Erfolg ist, wie schon gesagt, die Salzburger Pädagogische Werktagung. Ich habe heute vorgeschlagen, wir sollten sie als Werktagung und Wirktagung bezeichnen, vielleicht wird das auch der Lebensdynamik, die hier entsteht, gerecht. Es gibt ein sehr schönes Buch, beides ist schön, das Buch und der Titel, der Titel heißt ganz schlicht: »Behalt das Leben lieb«. Das ist die Geschichte von einem kranken Jungen, der sterben wird, der einem anderen Jungen, der mit ihm im Krankenhaus liegt sozusagen als Vermächtnis mitgibt »Behalt das Leben lieb«. Ich glaube in dieser Schlichtheit steckt alles drin. Das Leben lieb behalten meint, genau jene innere Dynamik zu spüren und zu lieben, die vom Leben selbst ausgeht und sich in dem, was sie tut, wiederfindet. Es ist das Wählerische des Lebens selbst, wie wir gesagt haben, dem wir bei den Kindern noch oft begegnen. Dieses Wählerische des Lebens ist genau der Grund dafür, warum sich Kinder anders entwickeln, als Erzieher und Erzieherinnen es wollen. Das ist nicht irgend eine Sozialisation oder irgend ein psychodynamischer Prozeß. Sondern diese andere Entwicklung, als die, die wir wollen, ist das Wählerische des Lebens selbst. Weil das Leben das Leben sucht. Und dieses Lebenswissen haben wir ganz, ganz tief in uns. Und deshalb ist und bleibt die Liebe, die ja auch nichts anderes sein kann als sie selbst, die Steigerung des Lebens schlechthin, weil die Liebe als Ausdruck des Lebens im Anderen das Leben und damit seine Lebendigkeit, sein Wachsen, sein Sich-Steigern-Können meint. Und deshalb kann es auch letztlich keine andere Ethik geben, die der Liebe entspringt und die die Lebenssteigerung im Blick hat. Und deshalb kann man auch Leben steigern im Verzieht, in der Rücksichtnahme, in der Anständigkeit, in der Höflichkeit, in der Freude, auch in der Ekstase. Leben steigert sich in einer Lebenskultur, die den biblischen Begriff der Fülle oder dem Schalom standhält. Nun hat schon Friedrich Nietzsche erkannt, daß ein kulturelles Leben der Krankheit anheimfällt, wenn für die Leidenschaften des Lebens, für die Ängste und für die Bedürfnisse des Lebens keine Antwort und keine Austauschmöglichkeiten mehr bereit stehen. Dann beginnt auf der politischen, soziologischen Ebene die Dynamik des Scheiterns, die jedoch letztendlich nur jeder Mensch für sich selbst erleidet. Das ist das Unbehagen der Kultur, wie Siegmund Freud gesagt hat und heute ist das Unbehagen der Kultur in eine Barbarei der Kultur umgeschlagen. Denn wenn das Leben in seinen kollektiven und persönlichen Bereichen der Krankheit anheimfällt, wenn das Leben krank wird, weil es sich selber nicht mehr gerecht werden kann, dann ist die letzte Stufe dieser Krankheit die Selbstzerstörung. Weil sich das Leben in seiner Last, wie ich gesagt habe, unerträglich wird: Langeweile, Monotonie, Malaise. Keine Möglichkeit eines Mehr, kein Horizont, der das Versprechen eines Mehr einlösen würde und einlösen könnte, geschweige denn, daß er erreichbar ist. Es gibt kein »Woran« woran ich mich steigern kann. Was ist das Resultat? Das Resultat ist die Selbstzerstörung als Rückwärtsbewegung gegen sich selbst. Das, was man beim Fliegen wirklich fürchten muß, ist der Umkehrschub. Aber diesen Umkehrschub gibt es auch im Leben. Wenn es sich nicht mehr steigern kann in seiner Qualität, dann kehrt es sich gegen sich selbst, weil es gar nicht anders kann, als sich gegen sich selbst zu kehren. Diese Rückwärtsbewegung gegen sich selbst. Der Umkehrschub, beginnend mit der Selbstanklage, mit dem Selbstzweifel, mit dem Selbsthaß und all dies gipfelt in der Aussage: »ich habe das Leben satt«. Und diese Aussage höre ich nicht selten. Sich satt haben, wie Nietzsche sagt, treibt zu einer Flucht. Denn wenn ich mich satt habe, wenn ich mich nicht mehr ertrage, wenn ich das Leben nicht mehr ertrage, dann fliehe ich. Und die Devise dieser Flucht lautet: erlöse uns von dem Übel, welches das Leben selber ist. Deshalb ist auch Krieg so schlimm, weil es im Krieg keine Steigerung des Lebens gibt. Daß es im Krieg trotzdem auch immer noch von den Menschen Humanität gibt, ist für mich ein Wunder, letztendlich unerklärlich, kommt nur aus dem Leben selbst heraus. Krieg ist das KZ schlechthin. Da fliehen die Menschen, sie müssen wegfliehen. Es gibt zwei Arten von Fluchten. Einmal Flucht weg und hinein in eine andere Möglichkeit. Flucht weg von Krieg, von Tod, von Krankheit, von Verfolgung, von Entwürdigung auch. Hinter diesen Worten verbirgt sich allein die Tatsache, Leben läßt sich jetzt nicht mehr steigern. Das ist kein Leben, sagen die Menschen, aber sie leben. Und dann kann man verstehen, warum die Menschen auf die Flucht gehen - Flucht in das Leben hinein. Und ein Volk und ein Land, das für diese Menschen, die so auf der Flucht sind, unter dieser Devise »das Boot ist voll« keinen Raum geben, ist schon gescheitert. Wenn man Aufnahme, Lebensraum und Liebe verweigert, bringt man sich, bringt sich auch ein Volk um die bestmögliche Lebenssteigerung, die gerade da ist. »Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist. Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue, lieben, den Bedürftigen helfen.« Ach wissen Sie, manch mal ist es so simpel, wir bräuchten nur die Bergpredigt zu lesen und die Seligpreisungen ernstzunehmen. Diese Seligpreisungen halten jeder strengsten Lebensphänomenologie stand. Wohlstandsvermehrung, Besitzsicherung, Wirtschafts- und Technikfortschritt sind nicht identisch mit Lebenssteigerung. Im Gegenteil, sie tragen alle die Signatur des Todes an und in sich, wenn in ihnen nicht das Leben wieder Raum gewinnt. Die ängstliche Wohlstandssicherung ist da selbst nichts anderes als das Sichtbarwerden der Dynamik des Scheiterns. Es ist die Flucht zum Brot allein. Weil das Brot des Lebens fehlt. Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein, aber er stirbt am Brot allein. Das ist der Tod, vor dem die Bibel warnt. Das ist der Tod, den wir fürchten müssen, den Tod am Brot allein, der in die Beziehungslosigkeit hineinführt, der mitten im Leben anwesend ist. Nicht der Tod nach unserem Ende ist gefährlich, sondern der Tod mitten im Leben. Diesen Tod müssen wir fürchten, denn er ist die Hölle und er macht das Leben zur Hölle mitten unter uns. Und in der Hölle läßt sich Leben nicht mehr steigern. Das ist auch eine andere Formulierung für das, was Hölle bedeutet. Leben aber will nicht den Tod, Leben überwindet den Tod und schafft sich Lebenskultur immer wieder neu. An sich bildete die menschliche Kultur unabhängig von ihrer geschichtlichen Betrachtungsweise bis heute den Raum. worin sich die sinnliche, die geistige Verfeinerung des Lebens als Lebenssteigerung vollziehen konnte. Sei es als Religion, als Kunst, als Ethik oder als Wissenschaft, oder im alltäglichen Lebenswissen wie etwa bei den Kindern. Seitdem aber die Galileische Methode der Objektivität das Leben immer mehr beherrscht, wird systematisch, und das ist das Problem heute, das noch einmal alles dynamisiert. Seit Galilei wird die Subjektivität, das subjektive Empfinden systematisch aus dem Erkenntnisprozeß ausgeschieden. Ich habe es vor zwei Jahren schon gesagt und es hat sich eigentlich bestätigt. Versuchen Sie in einer wissenschaftlichen Diskussion, wo es auch ums Leben geht, wo es nicht nur um Formeln geht, aufzustehen und zu sagen »ich empfinde das nicht so« und Sie werden gefragt, ob Sie für dieses Empfinden eine Statistik bringen können. Haben Sie diese Statistik nicht, sind Sie ohne Bedeutung, haben Sie die Statistik, sind Sie eine Nummer. Und das ist doch das Problem. Ich glaube, daß wir hier wirklich ein Umdenken haben, es geht ja nicht gegen Statistik, ich benutze sie ja auch und ich bin auch froh, wenn man etwas eruieren kann. Aber wir dürfen das nicht anstelle des Empfindens des Lebens selber setzen. Auch diese Welt, die dem technischen Fortschritt huldigt, die ihm Altäre baut und um sie tanzt bemerkt nicht, daß dies eine Barbarei am Leben bedeutet, durch die die Einritzungen des Lebens, so wie ich es nennen würde, zerbrochen werden. Was meine ich mit Einritzungen des Lebens? Der Prophet Hesekel hat einmal gesagt: »Ich will meine Gebote in euer Herz ritzen.« Ritzen hat mit Charakter etwas zu tun. »Charaktere« heißt einritzen, sind die Einritzungen. Ob jemand einen guten Charakter hat, entscheidet sich daran, ob diese Gebote eingeritzt sind. Aber die Gebote sind nicht das Gelernte und das Vermittelte, sondern die Gebote sind das, was entsteht, wenn man sich offenen Auges dem Leben und dem Nächsten zuwendet und auch offenen Auges sich selbst. Das hat etwas mit der Lebensevidenz zu tun. Ich bringe noch einmal das Beispiel oder das, was Emmanuel Levinas immer wieder sagt: »Schau dem anderen ins Antlitz und mache sein Antlitz nicht zu einem Gesicht.« Allein dieser Unterschied ist ja phänomenal, ob man in ein Antlitz schaut oder in ein Gesicht. Wenn du das Antlitz anschaust, dann weißt du aus der Lebensevidenz, auch aus der Lebenssteigerung heraus: ich kann dich nicht töten, weil es gegen das Leben selber gerichtet ist. Alles töten, wie auch immer, setzt das Absehen vom Leben voraus. Wir müssen eine neue Sensibilität dafür haben, ob uns Dinge zugemutet werden, bei deren Entstehen schon vom Leben selber abgesehen wurde und diese werden wir nicht akzeptieren. Da bräuchten wir Verweigerung. Da wäre jetzt neu weiterzudenken über das Phänomen Verweigerung. Auf der Flucht geschieht unglaublich viel auch an Lebensmut. Aber es gibt eine letzte Flucht. Es gibt nicht nur die Flucht in eine neue Möglichkeit hinein, sondern es gibt auch die Flucht des Lebens vor sich selbst, vor der eigenen Lebendigkeit und der erste Schritt dieser Flucht ist der Rückgriff auf rohere, gröbere Formen des Lebens. Ich will das kurz erklären, das sind sehr wichtige Akzente. Wenn die Lebenssteigerung als Lebensverfeinerung, als Sensibilisierung, auch als Sinnlichkeit (die Sinnlichkeit, das Atmosphärische hat ja die feinsten Formen überhaupt) dem Leben nicht mehr gelingt, dann droht das Scheitern. Und diese Lebenssteigerung als Lebensverfeinerung kann auch einem Kind vor dem Fernsehen niemals gelingen. Haben Sie jemals ein Kind glücklich gesehen nach vier Stunden fernsehen? Ich kenne nur unzufriedene Kinder. Und die Unzufriedenheit, die sich, habe ich den Eindruck, als unterschwelliger Grund in unserer Kultur breitgemacht hat, ist ein Zeichen dafür, daß sich Leben nicht mehr wirklich an sich selber steigert, aber daß viele Ersatzmöglichkeiten gesucht werden. Was passiert? Ich will es kurz erklären: um sich steigern zu können, braucht das Leben seine ganze Energie und zwar die Energie zur Verfeinerung. Wer jemals versucht hat, etwas zu verfeinern, weiß, wieviel Energie er aufbauen muß. Das ist nicht der wilde Mann, sondern diese Lebensverfeinerung ist vom wilden zum weisen Mann. Deshalb haben die Götter den Herkules verdammt, in Frauenkleidern erst einmal jahrelang zu arbeiten, damit er sich verfeinert. Das Grobe ist nicht die Lebenssteigerung schlechthin. Wenn diese Verfeinerung, diese Sensibilisierung nicht mehr gelingt, dann bleibt eine Energie ungenutzt. Und diese ungenutzte Energie ist nicht weg, sondern sie ist ungebunden. Diese Energie macht sich selbständig und schafft gröbere Formen, die immer mehr Lebensenergie ungebunden sein lassen. Das ist ja auch das tragische am Krieg, daß hier eine Grobheit erreicht wird, und diese ungebundene Lebensenergie, die in dieser Grobheit einfach offenbleibt - es wird Jahrzehnte dauern, bis man von diesen schrecklichen Ereignissen her wieder in einer Lebenssteigerung der Verfeinerung, der Versinnlichung, auch der Liebe hinein kommt, Wir haben ja bis heute noch nicht den Zweiten Weltkrieg verarbeitet, wobei hier Arbeit überhaupt nicht das richtige Wort ist. Mir gehts darum, daß Sie verstehen, was damit gemeint ist und daß wir durch viele Formen, die wir heute auch in der Schule als Lebenssteigerung anbieten, eine Energie freisetzen, die sich nicht mehr in den Lebensprozeß selber hinein bringt. Gibt es eine Chance, dieser Dynamik des Scheiterns zu entgehen? Ja, es gibt diese Chance. Denn das Leben durchbricht immer wieder alle inneren und äußeren Normierungen und Horizonte, auf die es festgelegt werden soll. Auferstehung! Es schafft sich selbst Raum, und es wird sehr darauf ankommen, daß wir uns dieser inneren Lebensbewegung anschließen und sie zulassen. Die engste Beziehung zum Leben hat ursprünglich die Religion. »Ich bin das Leben«, sagt Jesus von Nazareth. Bis zur Moderne hin hat es keine Menschheitskultur gegeben, die ohne Bezug zur Religion und ohne religiöse Äußerungen war. Von ihrem Wesen her ist und wäre die Religion Anwalt des Lebens. Das Leben erscheint unmittelbar als heilig und unverletzlich. Dies entspricht zunächst keiner sozial aufgestellten Norm, sondern entspringt der Tatsache, daß Leben sich selbst als abhängig verspürt. Es wird von einer Kraft, Macht und Energie durchzogen, für die letztlich nur der Name des Absoluten angemessen ist. Deshalb ist jedes Leben, von seinem Wesen her, ein religiöses, sowie jedes Individuum ein Absolutes ist. Das Wesen des Religiösen ist deshalb das Leben. Nicht das Dogma, nicht die Kirche, nicht die Lehre. Es gibt keine dem Leben übergeordnete Instanz, die über Leben befindet, und damit auch nicht über das Scheitern. Heute nach dem Wesen und der Wahrheit des Religiösen zu fragen bedeutet darum zuerst, den technologischen und quasi wissenschaftlichen Zerstörungsprozeß zu durchschauen, weil er mit einem Anspruch auftritt, alleinige Erkenntnisquelle zu sein, um die Wirklichkeit nach seinem Wissensideal zu formen. Es geht bei dieser Kritik nicht darum, einen neuen Streit zwischen Religion und Wissenschaft vom Zaun zu brechen oder zu entfachen. Es geht allein um die Tatsache, daß seit Galilei Tatsache ist, daß die Naturwissenschaft alles Subjektive und damit die Seele methodologisch ausklammert, während die Religion das innerste Sein der Subjektivität - nämlich die Seele - zum Thema hat. Hat sie es wirklich? Die Religion sicher, aber die Kirche? Beruft man sich innerhalb der Kirche auf diese innerste Subjektivität, dann beginnt auch dort oft nichts anderes als im Technizismus, nämlich die Austreibung gerade dieser Subjektivität, die Austreibung des Lebens. »Heil« und »Gott« ohne Subjektivität zu denken wäre und ist eine Vergewaltigung der Seele, ein »Seelenmord«, wäre und ist das programmierte Scheitern des Lebens gerade in dem Raum, in dem es anders sein sollte und müßte. Diese Vergewaltigung der Seele vollzieht der technisch-ökonomische Prozeß, und diesen Prozeß treibt er nur im eigenen Interesse fort, anstatt die subjektiven Lebensbedürfnisse des einzelnen Menschen - Kinder, Frauen, Männer. Alle, Kranke, Sterbende etc. wirklich in Rechnung zu stellen. Zwar scheint die Religion in den Randbereich des Lebens, und auch der Kultur gedrängt worden zu sein. Aber das hindert nichts daran, daß die Religion als Manifestation des Lebens sozusagen aus einem Untergrund heraus davon Zeugnis ablegt, was die Menschen bewegt: nämlich lebendige Wesen zu sein und nicht einem anonymen Mechanismus zu Opfer fallen zu wollen, eben nicht zu scheitern. Wenn es bisher keine Kultur ohne Religion gegeben hat, dann beruht auch dieses Phänomen nicht auf einer geschichtlichen Entscheidung der Menschen, sondern letztendlich auf dem Wesen der Lebenssteigerung. Fällt diese Möglichkeit der Lebenssteigerung heute fort, die Möglichkeit, in der sich alle Potentialitäten entfalten könnten die Religion, Kunst und Kultur bieten, dann entspricht die rein technische Entwicklung einer Zerstörung des Lebens als einem absoluten Scheitern mitten im Fortschritt. Noch einmal: Wenn heute die Menschen in den technologischen Ersatz der Lebensbedürfnisse fliehen, dann ist diese Flucht zu verstehen als der Versuch, sich selbst nicht mehr ertragen zu müssen angesichts der durch die Technisierung unmöglich gewordenen Lebenssteigerung. Da genau liegt der ganze Widerspruch, das Scheitern. Flucht in das hinein, was diese Flucht erst notwendig machte. Das Phänomen dieser so bedingten Flucht muß als »Krankheit« diagnostiziert werden, denn sie kann weder moralisch beschimpft oder verdächtigt werden. Hier beginnt ein tieferes Verstehen dieser Krankheit, um heilen zu können. Hätte die Religion nicht die Aufgabe, wenn sie sich selbst als Manifestation des Lebens verstünde, das Leiden in dieser Krankheit zu erkennen, und entsprechend ihrem Auftrag zu heilen und für mehr Lebensräume für das Leben zu sorgen? Dieser Auftrag schließt eine kritische, offene Überprüfung der eigenen institutionellen Verhärtungen ein, ebenso wie die Überprüfung des Hangs zur Selbstbewahrung. Die Religion hingegen totzusagen, ebenso wie Philosophie, Phänomenologie, auch Pädagogik und Psychologie würde bedeuten, dem Objektivierungsprozeß in die Hände zu spielen und so dem Scheitern und dem Tod das Wort zu reden. Religion als Leben zu sehen - und Leben als Religion zu deuten, wäre demnach die Einsicht, dem Leben unmittelbar selbst zuzustimmen. Ich glaube, daß es wirklich eine neue religiöse Kultur geben wird, weil sich das Leben selbst letztendlich nicht vertreiben lassen wird. Davon müßten wir Christen. sofern wir von der Auferstehung etwas verstanden hätten, ein Lied zu singen wissen. Ich möchte jetzt mit einem Zitat von meinem Freund Rolf Kühn, dem ich viele Gedanken, die ich hier vertreten habe, verdanke, schließen: »Da Gott den Menschen seit altersher >das Leben< schlechthin bedeutete, gilt dieser Satz auch unbedingt vom Absoluten des Lebens. Und das Höchstmögliche an menschlicher Erfahrung wie die Mystik, die Kunst, das Ethos, die Gemeinschaftlichkeit, die Liebe, das Erkennen in den Wissenschaften ist gerade gut genug, um das >Alltäglichste< in seiner Unersetzbarkeit zu bezeugen, nämlich jenes zarte Erzittern durch all unser Tun und Denken hindurch, welches das >stumme< Sichereignen des Lebens in uns selbst ist und uns dem Nichtsein ununterbrochen entreißt. Wer diesen inneren >Geschmack< ohne jede Verminderung kosten kann, der ist in allen Gefühlen geborgen, weil er ganz im Leben geborgen ist.« (Rolf Kühn, Existenz und Selbstaffektion in Therapie und Phänomenologie, 1994, 5. 115.)
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