Sehnsucht nach Geborgenheit

Vortrag von © Günter Funke
(Referent meiner Ausbildung)

Die Frage nach Geborgenheit ist in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. Ich habe gleich einen Untertitel gewählt, der den Begriff Bindung enthält. Geborgenheit ohne Bindung gibt es gar nicht. Aber damit jetzt Geborgenheit nicht nur ein unkonkreter gefühlsmäßiger Begriff ist, möchte ich über Bindungsfähigkeit, Bindungssuche und Bindungsnotwendigkeit sprechen.Wer sich ein wenig in der Psychotherapie auskennt, der weiß, dass die Bindungstheorie eine sehr wichtige Forschungsrichtung innerhalb der Psychotherapie ist, die sich sehr mit dem Bindungsverhalten - vor allen Dingen von Kindern - von Erwachsenen beschäftigt. Dass wir alle Geborgenheit brauchen und suchen, dazu braucht man nicht viel zu sagen.
"Kein Mensch betritt diese Welt ohne die bange Frage, ob und wie weit er in der Liebe eines anderen Menschen geborgen sein kann. Und so lange sich diese Frage nicht beruhigt, wird er es nicht wagen, in die Welt zu treten." So hat das Eugen Drewermann formuliert, und ich glaub, damit ist im Grunde alles gesagt.
Geborgenheit wird oft verwechselt mit dem Dazugehören. Manche sind schon zufrieden, wenn sie dazu gehören. Dazugehörigkeit hat oft einen hohen Preis. Wenn sie sich selbst fragen, was sie nicht alles leisten müssen oder leisten mussten, um dazu zugehören. Wenn das, was ich leisten muss, im Sinne von Anpassung soweit führt, dass ich um dazuzugehören, auf Wesentliches von mir verzichten muss, dann ist es mit der Geborgenheit schon vorbei. Denn ich kann nicht geborgen sein, wenn von mir soviel Verzicht von mir selbst erwartet wird, dass ich mich im Grunde gar nicht mehr wirklich kenne. So erlebe ich schon viele Menschen, die dazugehören, aber in der Dazugehörigkeit soviel auf sich selbst verzichten mussten, dass sie sich auch in der stabilen Dazugehörigkeit nie geborgen fühlen.
Wie viele Kinder leisten ganz viel - auf verschiedenen Ebenen - um dazuzugehören: Zur Klasse, zur Familie, zu den Belobigten, zu den Ausgezeichneten und haben schon im Ansatz gelernt, auf sich selbst zu verzichten und fühlen sich nie mehr geborgen.
Geborgenheit ist der Ausgleich zwischen hoher Eigenständigkeit und in der Eigensinnigkeit und Eigenständigkeit von anderen gemocht zu werden. Das alles möchte ich jetzt weiter vertiefen anhand von wesentlichen Überlegungen und unter Bezugnahme, auf das was in der Kindheit und im späteren Erwachsenenalter wichtig ist an Bindung.
Vier Grunderfahrungen:
  • Wenn ein Mensch die Präsenz einer primären Bindungsperson erfahren hat, dann ist er relativ gut vor Angstentwicklung geschützt. Wir brauchen gute Bindungen, um uns vor Ängsten schützen zu können.
  • Die Beziehung zu einer Bindungsperson wird durch Trennung aktiviert. Wenn z. B. ein Kind im Kindergarten oder später in der Schule oder in vielen alltäglichen Situationen die Trennung von der Bindungsperson - das muss nicht immer die Mutter sein - erlebt, wird die Beziehung zur Bindungsperson aktiviert. Trennung ist gefühlte Bedrohung. In der Bedrohung suchen Menschen Nähe zu einander um sich schützen zu können. Auch Krankheit führt immer wieder in die Nähe zur Bindungsperson und ebenso in der Erschöpfung suche ich Nähe zu einer Bindungsperson. Jetzt ist eine sehr interessante Beobachtung gemacht worden. In dem Maß, in dem sich ein Kind um Bindung kümmern muss, kann etwas anderes nicht gelebt werden: die Selbstexploration, die Selbstentfaltung. Ich kann mich nicht entfalten in den Phasen, in denen ich mich intensiv um Bindung kümmern muss. Das scheint ein Leben lang so weiterzulaufen. Vor allen Dingen ist es dann problematisch, wenn ich nie erfahren habe, dass es stabile Bindungen gegeben hat. Wo die Basis nicht stimmt, kann ich mich nicht entfalten. In Langzeituntersuchungen ist festgestellt worden, dass es einen Antagonismus zwischen Bindung und dem Selbstentfalten gibt.
  • Das Vertrauen in die Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit der Bindungsperson muss spürbar werden. Wenn ein Kind erfährt, dass die Bindungsperson verfügbar ist und auch zur Verfügung steht, um die Bedürfnisse zu befriedigen, entsteht im Kind ein inneres Arbeitsmodell, das es später immer wieder aktualisieren kann. Ist diese Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit nicht da, wird sich im Kind ein anderes Modell - wie die Selbstrepräsentanz- entwickeln und es wird später schwierig sein, gute Beziehungen einzugehen. Durch die erfahrene Stabilität kommt es zu einer guten inneren Beziehung zu sich selbst, was man später in anderen Beziehungen leben und entfalten kann.
  • Die wiederholten realen Erfahrungen, die ich in der Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit mache, bilden ein Schema des Miteinanders ab. Wer erfahren hat, dass die Bindungsperson verfügbar ist, macht Mut zu einem guten Miteinander. Die erlebte Zuverlässigkeit der Bindungsperson motiviert das Kind zur Freude an der eigenen Zuverlässigkeit. Das Kind steht dann auch anderen Kindern, anderen Menschen zur Verfügung.
Ein Kind mit sicherem Bindungsverhalten, ein Kind, das Geborgenheit erlebt hat, kann positive und negative Gefühle zeigen. In der Trennungssituation wird das Kind Stressgefühle zeigen. Trennung ist Stress. Goethe hat das formuliert: "Jeder Abschied ist ein kleiner Wahnsinn". So schreibt der Dichter, aber er hat dies schon vor 200 Jahren erkannt.
Ein Kind, das sich sicher gebunden weiß, wird genau dies nicht tun, was man vielleicht erwartet. Es wird die Mutter nicht gehen lassen. Es wird den empfundenen Stress auch in aller Lautstärke weitergeben. Das Kind wird schreien und toben und alles andere als ein artiges Kind sein. Glauben Sie nicht, dass ein Kind, dass sich in Trennungssituationen ruhig verhält, ein sicheres Bindungsverhalten hat. Das wird oft fälschlicherweise umgedreht. Wenn Ihr Kind in der Trennungssituation Stress macht, weil es Stress hat, ist das ein gutes Zeichen. Es ist noch nicht alles, aber viel.
Anzeichen für sicheres Bindungsverhalten sind:
  • Zeigen positiver und negativer Gefühle;
  • aktive Begrüßung bei der Rückkehr;
  • das Kind kann beruhigt werden;
  • nach dem Ruhe eingekehrt ist, wendet es sich dem Spiel wieder zu.
Unsicheres Bindungsverhalten äußert sich im Vermeidungsverhalten. Das Kind vermeidet es Gefühle zu zeigen. Was wird vermieden? Das Kind umgeht schmerzvolle Zurückweisung durch Vermeidung, d. h. das Kind wird möglichst nichts wollen an Eigenem, weil die Kritik wie eine schmerzvolle Zurückweisung erlebt wird. Also ist ein unsicheres Kind eher brav. Die braven Kinder, die Konflikte eher vermeiden - vor allen Dingen Konflikte mit den Eltern - sind in ihrer Bindung recht unsicher.
Ein weiteres Kennzeichen ist auch, dass ein Kind mit einem unsicheren Bindungsverhalten kaum Stresssymptome zeigt. Es vermeidet Stresssituationen, weil es Angst hat, dass es durch sein Verhalten noch mehr Stress bekommt. Jene Kinder, die Vertrauen oder Geborgenheit nicht erlebt haben, ignorieren die Rückkehr der Bindungsperson. Das Kind schaut kurz auf, spielt aber weiter. Das ist kein so gutes Zeichen. Wenn das Kind bei der Begrüßung bei seiner Sache bleibt, könnte man sagen, es ist so ins Spiel vertieft. Es zeigt aber die kalte Schulter.
Ein weiterer Bereich - und das wird jetzt immer problematischer - ist das unsichere ambivalente Verhalten. Ein Kind, das unsicher in der Bindung ist, kann ausgeprägte Affekte zeigen. Es kann Wut zeigen und Angst und ist auch sehr gestresst und lässt sich schwer beruhigen. Um ein Kind beruhigen zu können, ist Voraussetzung, dass ein Kind Geborgenheit erlebt hat. Nur auf dem Hintergrund zuverlässiger und erfahrener Bindung kann Beruhigung aktiviert werden. Das Einreden, das Gutzureden gibt nicht den Halt den man braucht. Das ambivalente Verhalten äußert sich so, dass das Kind Kontakt sucht und vor allem Nähe bei gleichzeitiger Abwendung von der Bindungsperson. Einerseits in der Nähe bei gleichzeitiger Abwendung - in der Schule ist das anzutreffen. Das unsichere ambivalente Kind ist ganz stark auf die Bindungsperson gerichtet, es klammert, es hängt am anderen.
Wie zeigt sich ein sicheres Bindungsverhalten bei Erwachsenen? Da sprechen wir jetzt nicht vom sicheren Erwachsenen, sondern vom autonomen Erwachsenen. Den erwachsenen Mensch mit gutem Bindungsverhalten kennzeichnet:
  • eine offene Art
  • er hat eine hohe Fähigkeit zur Reflexion
  • er kann gute und schlechte Erfahrung in sein eigenes Leben integrieren
  • er kann zu den guten und schlechten Erfahrungen die dazu gehörigen Gefühle entwickeln
  • er hat eine eher positive Sicht von sich selbst und von anderen
  • und er hat eine hohe Achtung von Bindung
  • er tut sehr viel um diese Bindung zu pflegen und zu halten
Ein Erwachsener, der im Bindungsverhalten eher unsicher ist,
  • ist ein distanzierter Mensch
  • seine Angaben sind kurz und unvollständig
  • meistens wird die Kindheit idealisiert
  • er zeigt eine Affektarmut. Das ist die Überregulation der Affekte, man regelt als vom Kopf her und läßt Gefühle - vor allem nicht zu. Menschen, die sich nicht geborgen fühlen, können über ihre Gefühle kaum reden und ihre Gefühle vor allem redend nicht gestalten
  • Er hat ein überzogenes Interesse am Aufbau von Unabhängigkeit. "Ich will unabhängig sein, ich will frei sein. Bindungen und Beziehungen sind eh nicht wichtig."
Sie spüren, das mit der Geborgenheit ist nicht nur eine romantische Geschichte. Sondern wenn man sich die empirische Situation einmal anschaut, entdeckt man, dass dort wo Bindung fehlt und Geborgenheit nicht gelungen ist, fehlt die Basis für das In-die-Welt-hinein-gehen. Damit hat Drewermann Recht, und die Fakten der Bindungstheorie sprechen eine ganz deutliche Sprache.
Wir müssen noch die Bindungsperson, das Bindungsmileu genauer anschauen. Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit schön und gut. Es genügt aber nicht einfach nur da zu sein. Die Anwesenheit ist allein noch nicht das Entscheidende.
Ein wichtiger Faktor ist die Feinfühligkeit der Bindungsperson. Die Feinfühligkeit wurde und wird bis heute als die Hauptgrundlage einer guten Bindung betrachtet.
  • Feinfühligkeit ist die Fähigkeit die unterschiedlichen Verhaltensweisen wahrzunehmen. Es geht nicht nur um Funktionalität, es geht um die Emotionalität. Die Feinfühligkeit, als Fähigkeit Verhaltensweisen überhaupt wahrzunehmen.
  • Verhaltenweisen aus der Sicht des Kindes interpretieren zu können.
Testfall ob Erwachsene in der Lage sind Selbstdistanzierung zu üben, ist die schlechte Schulnote der Kinder. Bei schlechten Noten sind viele Eltern kaum in der Lage Selbstdistanzierung zu üben. Sie tun fast so, als ob die Welt unterginge. Eltern, die nicht fähig sind zur Selbstdistanzierung, werden in den Kindern keine Geborgenheit aufbauen können.
Was dann kommt, wenn die schlechten Noten geschrieben werden, sind die schlauen Sätze. Das sind alles Empfehlungen, welche die Eltern den Kindern geben, dass es ihnen selber wieder gut geht. Gerade in der Situation sind Eltern kaum noch fähig, sich in die Sicht des Kindes einzufühlen, und man sagt dann aus Vernunftgründen: "Du musst halt an später denken." Wenn Erwachsenen nichts mehr einfällt, verweisen sie auf später. Das Argument mit der Zukunft zu drohen, ist immer noch das Argument, das zieht. Erwachsene, die immer alles auf sich beziehen, die sich von allem, was Kinder machen, genervt und gekränkt fühlen, geben das auf das Kind zurück, und dadurch kann im Kind keine sichere Bindung, keine Geborgenheit entstehen.
In der Geborgenheit geht es um mehr als um funktionale Versorgung. Durch funktionale oder materielle Versorgung entwickelt ein Kind keine Geborgenheit und keine wirkliche innere Stabilität. Der erfreuliche Aspekt dabei ist, dass Mütter und Väter sich dieses Können im gegenseitigen Lernen aneignen können und dies an die Kinder positiv weitergeben können.
Die nächste Frage, die es gibt, ist die: Müssen eigentlich immer nur die Eltern die Bindungspersonen sein? Das muss nicht sein. Zur sicheren Bindung gehört der soziale Bezug, das Umfeld, in dem ein Kind aufwächst. Je älter ein Kind wird, desto mehr wird auch die Umgebung, der Kindergarten, die Schule, die Freundinnen, der Freund mit einbezogen.
Was müsste die Umwelt bieten, damit ein Kind da hinein wachsen kann?
Oder woran müssten Erwachsene bei sich selber arbeiten, damit Kinder ein Stück weiterkommen? Denn nochmal: Ohne dass Erwachsene an sich selber arbeiten, werden sie es nicht schaffen, in den Kindern Vertrauen aufzubauen. Erwachsene, Eltern, Lehrer werden Kindern keine Geborgenheit vermitteln können, wenn sie nicht gründlich an sich selbst arbeiten.
Wie können sich Erwachsene da helfen?
Wichtig ist, dass man bedrückende und schmerzliche Erfahrungen aussprechen lernt. Ich denke, dass das sehr hilfreich ist, dass man beginnt miteinander darüber zu reden. Aus der Erfahrung heraus, in der Hoffnung, dass da jemand ist, der mich ermutigt. Über eigene bedrückende und schmerzliche Erfahrungen sprechen zu können im Vertrauen, dass da ein Mensch ist, der mich versteht und mich ermutigt. Das sollten die Bindungsperson von Kindern üben und können, denn genau das braucht das Kind von den Erwachsenen. Es muss Erwachsenen gegenüber von seinen bedrückenden und schmerzlichen Erfahrungen sprechen können und sicher sein, dass es verstanden und ermutigt wird. Verstehen und ermutigen ist etwas anderes, als zu belehren und zu bestrafen. Wie will ich das dem Kind weitergeben, wenn ich es im Miteinander nicht gelernt habe? Dort, wo dies nicht gelingt, bleibt das Vertrauen unterentwickelt.
Was heißt eigentlich "mit den Kindern wachsen"?
Kindern wollen all ihre Freude, all ihren Schmerz ausdrücken, und sie warten darauf, dass man dieser Emotionalität wieder emotional begegnen kann. Wenn aber die eigene Emotionalität nicht lebendig ist, nicht sensibel ist, nicht differenziert ist, worin soll ein Kind sich bergen? In den klugen Sprüchen, im guten Konto, im gesicherten Einfamilienhaus? Worin denn? Geborgenheit ist etwas anderes als sich in falscher Sicherheit wähnen.
Geborgenheit ist mehr als ständige Anwesenheit, als gute Versorgung, Geborgenheit ist die Suche nach der Seele, nach der Resonanz im anderen. Wenn ich im anderen keine Resonanz finde, worin soll ich mich bergen?
Ein weiterer Aspekt kommt dazu. Frankl hat ja gesagt: "Weil Du Person bist, weil Du Mensch bist, kannst Du Dich heraus arbeiten." Wir haben unser Selbstbild auch entwickelt an den Fehlern unserer Eltern, und das geht ja immer weiter. Keiner von den Eltern steht da und sagt: Es ist alles okay. Diese Erkenntnis hilft auch den Kindern, wenn sie merken, dass die Eltern Stellung nehmen. Auch Eltern - wenn sie 40 oder 50 sind - können sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen. Sie können ihre eigene Geschichte annehmen. Sie haben aufgehört zu idealisieren, die Kindheit als goldene Jugend zu sehen usw. Man ist realistisch geworden aber nicht enttäuscht. Man hat die Illusionen verloren, aber man ist realistisch geworden, indem man die Enttäuschungen und Verletzungen zulassen konnte. Erst indem man sie zulassen konnte, konnte man sie bearbeiten, und dadurch verändert man sie auch.
Man kann sich immer wieder neu fragen: Wo habe ich um Geborgenheit gekämpft? Wo habe ich darum gekämpft, dass ich dazu gehöre und was habe ich in diesem Kampf von mir selber aufgeben müssen? Das, was man in diesem Kampf von sich selber aufgegeben hat, muss man wieder gewinnen, das kann man wieder gewinnen und dazu brauchen wir einander.
Im Wieder-gewinnen-dessen, was wir verloren haben, entsteht Geborgenheit.
Nicht, dass wir es schon immer gehabt haben müssen. Es ist ganz erstaunlich, wie sich eine Geborgenheit nicht durch das fertige harmonische absolut Richtige und Gute entwickelt, sondern Geborgenheit entsteht im ehrlichen Bemühen das Verlorene wieder zu gewinnen. Im Miteinander. Hier geht es nicht um Perfektion, und das ist das Tröstende daran. So sehr es einerseits wichtig ist, Geborgenheit kann nur entstehen in der gelungenen emotionalen Beziehung. So wichtig ist es, dass wir nicht vom Perfektionismus ausgehen und sagen: "Das habe ich alles nicht gehabt." Wenn ich meine Kindheit anschaue, wenn ich die Kindheit meiner Eltern anschaue, was ist da auch an Misslungenem vererbt, da könnte man ja verzweifeln. Nein, das ist nicht der Punkt. Nicht unser perfekt sein, kann dem anderen Geborgenheit geben.
Perfektionismus vermittelt überhaupt keine Geborgenheit. Geborgenheit entsteht im Bemühen das Verlorene wieder zu gewinnen. Das ist zu etwas Ermutigendes und so etwas Hoffnungsvolles und da kann es auch in dem Prozess des Bemühens rückwirkend so etwas wie Heilung geben. Auch bei den Kindern, es ist immer wieder erstaunlich. Dort, wo Kinder Schwierigkeiten haben, es oft wichtiger ist, dass Eltern an sich arbeiten, als die Kinder für sich arbeiten zu lassen. Auch emotional - auch wenn man es therapeutisch sieht. Ich meine, da müssen Eltern in die Therapie und nicht so sehr die Kinder. Beruhigt es sich zwischen den Eltern, dann wird es auch mit den Kindern relativ gut in Geborgenheit hineinführen. Wir dürfen hier nicht die Kinder in Ersatzhandlungen hinein drängen.
Dass immer mehr Kinder auffällig werden, hat einfach damit zu tun, dass sie bei den Eltern und in den Schulen - bei ihren primären und sekundären Bindungspersonen nicht das finden, was sie brauchen, um geborgen sein zu können. Die Unruhe der Kinder - und das ist das Ergebnis der Bindungstheorie - ist nur die Folge der Ungeborgenheit der Eltern. Jetzt könnten wir das Spiel bis Adam und Eva machen und das wäre nicht Verantwortung.
Verantwortung heißt: Ich - und wir - fangen jetzt an. Wir können etwas tun und man kann ja sagen, es ist nie zu spät anzufangen, mit sich selbst anzufangen, mit seiner Entwicklung usw.
Die tiefste Geborgenheit, die ein Mensch erfahren kann, und die hat ganz intensiv mit Bindung zu tun, ist die Geborgenheit im Leben selbst. Denn das Leben, das ich lebe, das Leben, das mir geschenkt ist, hat sich so intensiv an mich gebunden, dass ich es bis zum Tod nicht mehr los werde. Das klingt fast belustigend, aber man muss sich das einmal vergegenwärtigen. Ich habe mir mein Leben nicht selbst gegeben, das Leben hat sich an mich gebunden, und ich werde dieses mein Leben nicht mehr los.
Das heißt, das sich das Elementarste, das wir kennen, radikal mit mir verbunden hat. In einer Nähe, die nicht mehr aufzulösen ist, in einer Stärke, die durch nichts zu brechen ist, in einer Beglückung, die durch nichts zu überbieten ist.
"Mensch sein heißt: können", hat Frankl einmal gesagt. Können heißt aber nicht dieses oder jenes zu müssen, was andere meinen dass ich können müsste. Ich denke auch an schwierige Situationen, wo ein Mensch krank ist, wo er weint, wo er vielleicht stöhnt, wo er gar nicht freudig ist. Vielleicht kennen Sie diese Erfahrung auch, dass das Weinen, das Stöhnen, etwas ist, das ich das kann, kann mir eine ganz tiefe Geborgenheit geben. Vielleicht ist es das einzige was ich kann, aber wenn ich mich auf dieses Können beziehe, das ist nicht mehr abgeleitet von irgendwelchen Erwartungen, die ich an mich habe oder die andere an mich haben, sondern das ist eine ganz ursprüngliche Erfahrung, die mich jenseits von allen Erwartungen etwas erleben lässt, was ganz schwer auszudrücken ist.
"Die Dimension der Tiefe ist uns verloren gegangen." (Paul Tillich) Vieles was wir heute als Geborgenheit vermitteln, ist bei genauem Hinsehen eher eine oberflächliche Sicherheit, die wir anstreben, die aber sehr schnell mit Angst besetzt wird, weil sie nicht trägt.
Also bleiben hier das Psychologische und Existentielle aufeinander bezogen. Kinder brauchen Menschen, die den Mut haben, die verlorene Dimension der Tiefe wieder zu entdecken. Das ist eine Entdeckung, die allen gut täte. Ich glaube, dann entsteht wieder eine neue Geborgenheit und dann erst hätte ich den Mut wieder von Heimat zu sprechen. Das wäre auch noch ein spannendes Thema: Wieviel Geborgenheit kann Heimat geben, und welche Qualität müsste Heimat haben, damit ich mich geborgen fühle?
Wo sind Sie eigentlich zu Hause? "Zu Hause bin ich dort, wo ich verstanden werde." Was Verstehen voraussetzt, ist: Hohe Sensibilität, hohes Einfühlungsvermögen und hohe Differenzierungsfähigkeit.
Manche mögen denken: Ist denn das Leben so anspruchsvoll? O, ja es gibt nichts Anspruchsvolleres als das Leben. Es gibt auch nichts Kostbareres. Worum wir uns alles bemühen. Wieviel Kraft wir für dieses und jenes einsetzen - nur viele denken bis heute noch, das Leben geht von alleine. Das stimmt nicht.
Das Leben ermutigt uns zum Mitmachen, es ermutigt uns, dass wir es in der Tiefe ergründen. und wenn ich frage: Wieviel Bindung braucht der Mensch? Dann heißt das wieviel Bindung braucht der Mensch woran?
Für Erwachsene gilt im Wesentlichen die Bindung an das Leben, das sich so intensiv an uns gebunden hat, dass es uns nicht auskommen lässt. Das merkt man jeden Morgen.