Wider die Tyrannei der Werte
Vortrag Günter Funke, Pädagog. Werktagung 1989
Angesichts einer Tagung, die schwerpunktmäßig mit Werten arbeitet und bisher gearbeitet hat, möchte ich nicht beginnen mit liebe Gäste, sondern werte Gäste.
So ein Gedanke aus unserem Werkkreis, den wir in den letzten Tagen miteinander gestaltet haben ist der, ob ich das kenne, daß ich auch noch gespannt auf mich selbst bin. Sie können mir abnehmen, daß ich sehr gespannt auf mich selbst bin und auch auf sie.
Als ich begonnen hatte vor längerer Zeit mich mit dem Tagungsthema auseinanderzusetzen - eigentlich beschäftige ich mich durch meiner Arbeit ständig mit Werten - und natürlich auch mit der Frage nach Sinn. Aber als ich begonnen hatte mich damit auseinanderzusetzen und mir vorstellte, daß wir hier fast eine ganze Woche lang über Werte nachdenken und arbeiten wollten, hatte ich ein beklemmendes Gefühl. Und dieses Gefühl hat sich sofort in ein Bild verdichtet: überall um mich herum tauchten Menschen, tauchten Gebote, tauchten Verbote auf. Ich fühlte mich auf einmal von Werten umzingelt und mir ging es nicht gut dabei. Es wurde irgendwo eng. Aus diesem Engegefühl heraus habe ich die Flucht nach vorne angetreten und gesagt, wenn das zuviel wird mit den Werten, dann bekommen Werte diesen Charakter der Tyrannei. Ich fühle mich tyrannisiert, eingeengt, eingesperrt.
Vor lauter Werten sehe ich das Wesentliche nicht mehr, d. h. die Werte verstellen die Wahrheit. Mir fiel in diesem Zusammenhang dann ein, diese Formulierung wider die Tyrannei der Werte, die nicht von mir ist, sondern von dem bekannten Philosophen Nikolai Hartmann. Als ich dann das Thema formuliert hatte, kamen mir Fragen. Vor allen Dingen die kritische Frage, ist denn das Thema "Wider die Tyrannei der Werte" nicht ein Widerspruch in sich selbst. Kann man denn wirklich von einer Tyrannei der Werte sprechen? Oder müßte man sagen, wenn Werte tyrannisieren, sind sie keine Werte mehr.
Zunächst wollte ich mich auch auf diesen Gedanken einlassen, stellte aber fest, daß ich damit zu schnell den Kopf aus der Schlinge ziehe. Ich blieb dabei Werte können tyrannisieren. Das bedeutet aber nicht, daß wir nun grundsätzlich von einer negativen Bedeutung der Werte ausgehen. Grundsätzlich gehen wir, wir in der Existenzanalyse, von einer positiven Bedeutung und auch von einer positiven Auswirkung von Werten aus. In der Hoffnung, daß Werte etwas Gutes, etwas Positives, etwas Wahrhaftiges beinhalten und daß sich dieses Wahrhaftige, das im Kern eines Wertes eingeschlossen ist, sich bei der Entfaltung des Wertes mit ausbreitet.
Werte so könnten wir ganz allgemein sagen, fordern uns heraus, sie spornen uns an, sie geben uns eine Richtung und sie sind Orientierungshilfe. Sie zeigen wohin wir uns bewegen können und sollen. Werte, so könnten wir definieren, sind unverzichtbare Marksteine auf unserem Weg, wenn dieser Weg in Richtung gelingendes und sinnvolles Leben gehen soll. So kann Frankl folgendes formulieren und das ist ein Zentralsatz in der Existenzanalyse. Er schreibt:
Den Sinn des Daseins erfüllen wir - unser Dasein erfüllen wir mit Sinn allemal dadurch, daß wir Werte verwirklichen.
Also ein ganz unmittelbarer Zusammenhang zwischen erfülltem Leben und Verwirklichung von Werten und genau an diesem Punkt liegt eine große Gefahr. Jetzt könnte man sich’s leicht machen. Jetzt könnte man hingehen und sagen: "Das ist ja toll, wir wissen was Werte sind. Wir sagen euch welche Werte zu verwirklichen sind und ihr werdet ein glückliches Leben führen. Jeder Gedanke, jeder Versuch, der sich in diese Richtung bewegt, trifft nicht das, was wir in der Existenzanalyse meinen und auch nicht das, was Frankl mit diesem Satz gesagt hat.
Denn Werte können niemals, wenn sie denn wirklich zur Erfüllung unseres Daseins beitragen sollen, verordnet werden. Sie können nicht verschrieben werden. Werte, die die Tendenz haben, die in sich selbst die Dynamik entwickeln können, Leben und Dasein zu erfüllen, muß ich mit meinem eigenen Gewissen finden. In dieser zentralen Aussage Frankls wird ein unbedingter Zusammenhang zwischen Wertverwirklichung und Lebenssinn deutlich. Wir brauchen diese Werte, diese selbst bejahten, diese selbst gefundenen Werte, wenn unser Leben zu einem Gelingen heranreifen soll und nicht irgendwann in den Abgrund der Angst, der Sinnlosigkeit und des Mißtrauens abstürzen soll. Aber genau diesen Absturz in die Angst, diesen Absturz in das Mißtrauen betreiben die Tyranneien, auch die Tyranneien der Werte.
Die Frage ist natürlich zu stellen: wie kommt es zu einer Tyrannei der Werte?
Um diese Frage ein wenig hintergründig zu klären, müssen wir einen kleinen philosophischen Rekurs vornehmen. Ich habe mir folgendes gedacht, daß ich diesen Rekurs an den Anfang stelle. Im zweiten Teil möchte ich all das, was ich jetzt ein wenig theoretisch entwickle, in einer für mich großartigen Geschichte des Alten Testamentes noch einmal aufleuchten lassen. Also gehen wir jetzt noch einmal zurück zu der Frage: Wie kommt es zur Tyrannei der Werte?
Wie schon gesagt, hat der berühmte Philosoph Nikolai Hartmann diesen Satz und diesen Begriff von der Tyrannei der Werte geprägt und er geht dabei von folgender Überlegung aus: Damit Werte für die Ethik überhaupt relevant werden und auch für persönliches Leben relevant werden, müssen sie realisiert bzw. aktualisiert werden. Ohne dass jemand hingeht und Werte realisiert, wird es keine Werte geben.
Deshalb kann man über Werte auch sehr viel reden, doch das Reden über Werte verändert gar nichts. Es wird darauf ankommen, ob Menschen da sind, die Werte von denen sie berührt sind verwirklichen. Alles andere ist Selbstbetrug. Deshalb sind auch nicht die Katheder, die Bretter, die die Welt bedeuten und verändern sondern das alltägliche Leben. Also Werte müssen, damit sie überhaupt relevant werden, verwirklicht werden, aktualisiert werden und bei dieser Aktualisierung kommt es oft zu Wertkonflikten. Das heißt meistens stehen mehrere Werte gleichzeitig an und warten darauf realisiert zu werden. Ich glaube, daß das eine Erfahrung ist, die sie alle kennen und die sie vielleicht sogar tagtäglich machen, dieser Wertkonflikt. Was soll ich tun? Was ist das Richtige? Warum bin ich heute hier?
Unser Leben ist aber so angelegt, daß in einer bestimmten Situation immer nur ein Wert wirklich verwirklicht werden kann. Wie aber komme ich hier zu einer Entscheidung? Was sind meine Gründe für den einen, gegen den anderen Wert? In diesem Zusammenhang kann man Wert auch sehr schön formulieren, ohne damit eine inhaltliche Vorgabe zu machen und sagen: Ein Wert ist der Grund einer Bevorzugung. Das ist wert, was mich veranlaßt, das eine dem anderen vorzuziehen und da braucht man zunächst Werte gar nicht inhaltlich zu definieren, sondern jeder von uns steht tagtäglich in dieser Werteauseinandersetzung. Jeder von uns hat hoffentlich seine Gründe und nicht nur Anlässe, sonst handeln wir nicht, sondern wir reagieren. Dieses oberflächliche Reagieren aus einer bestimmten Gefühlskitzelei heraus. Also die Frage: Was sind meine Gründe, warum ich diesen einen Wert dem anderen vorziehe? Unser Leben ist so angelegt, daß immer nur ein Wert zu einer bestimmten Zeit verwirklicht werden kann.
Alles hat seine Zeit - weiß schon das Alte Testament zu sagen. Welcher Wert setzt sich gegen einen anderen durch? Welcher wird bevorzugt in der Situation des Wertekonflikts? Hier besteht jetzt wieder eine große Gefahr. Möglich, daß der Wert, der sich gegen einen anderen Wert durchsetzt, den ich gegen einen anderen bevorzugte, daß dieser Wert in Zukunft in einer rigorosen und fanatischen Weise sich immer wieder durchsetzt. Dann kommt man in die Gefahr des Traditionalismus und ich meine jetzt gar nicht den Traditionalismus außen, sondern den Traditionalismus im eigenen Leben. Einmal einen Wert verwirklicht, einmal einen Wert gegen andere Werte durchgesetzt, birgt in sich die Gefahr jetzt aus Gewöhnung immer wieder darauf zurückzugreifen.
Diesen, in dieser einen Situation richtigen Wert zum allgemeinen Wert zu machen und daraus dann Handlungsprinzipien abzuleiten. Zum Beispiel mit dem Wort: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!
Das ist dann so ein Wert, der sich als großer Wert gegen alle anderen durchsetzt. Also diese Durchsetzung eines Wertes gegen andere Werte, die ja immer wieder in den neuen Situationen darauf warten, daß wir sie auch sehen, kann sehr fanatisch sein. Auch dann wenn die Situation eine unvergleichliche und eine andere ist.
Ich erinnere in diesem Zusammenhang nur immer an die sogenannten Erfahrungswerte. Vor lauter Erfahrung, die wir gemacht haben, aus denen wir unser Leben heraus kennen, wo wir sagen, solche Situationen kenne ich, da weiß ich, was man macht. Mit solchen Schülern geht man so um, das habe ich mein Leben lang erfahren.
Solche Erfahrungswerte verstellen uns den Blick für den Wert der jetzt auf uns wartet. Diese Erfahrungswerte üben eine unglaubliche Tyrannei aus und lassen Leben verarmen. Das heißt Wertorientierung ist nicht Erfahrungsorientierung, sondern Wertorientierung ist vor allen Dingen auch die Aufgabe, mich von meinen eigenen Erfahrungen lösen zu können. Das ist das, was bedeutet ein Floß auf offenem Meer zu bauen. Ich bin sehr dafür, daß wir auf offenem Meer Flöße bauen können. Also es gibt dann die Situation, daß es für das Jetzt keinen Blick mehr gibt und daß man sich in träger und bequemer Weise immer auf ein damals meint berufen zu können.
Nicht die Tatsache, daß es Werte gibt, sehr wohl aber die gebotene Realisierung führt zu Konflikten und in diesen Konflikten natürlich auch zu den Lösungen. Ich glaube, wir können nicht davon ausgehen, daß wir jeden Wertekonflikt richtig lösen. Aber es besteht auch dann die Gefahr, daß wir aus den Fehllösungen heraus, die Tyrannei der Werte sich entwickeln lassen und so kann dann Hartmann folgerichtig folgendes formulieren:
Jeder Wert hat wenn er einmal Macht gewonnen hat über eine Person, die Tendenz sich zum alleinigen Tyrannen des ganzen menschlichen Ethos aufzuwerfen und zwar auf Kosten anderer Werte.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang dieser Satz: jeder Wert, hat er einmal Macht gewonnen, hat die Tendenz sich zum Tyrannen aufzuspielen. Aus der Sicht der Existenzanalyse ist das genau die treffende Formulierung. Da beginnt die Tyrannei der Werte, wenn es Werte gibt, die über die Person herrschen.
Wenn also nicht die Person - ich - in meinem Wert, in meinem Selbstwert über den Werten stehe, sondern wenn mein Personsein, mein Ichsein, mein Selbstsein von den Werten in den Hintergrund gedrängt wird, dann kommt es zu einer Machtergreifung und es ist völlig gleichgültig, ob diese Machtergreifung von sogenannten hohen oder niederen Werten erfolgt. Machtergreifung bedeutet dann, die Person, das Persönliche geht in den Hintergrund und aus dieser Machtergreifung heraus ergeben sich ständig die Fehlentwicklungen und auch die Erkrankungen.
Denn das, was Hartmann hier entwickelt hat, kann ich aus der alltäglichen Sprechstunde und Therapie bestätigen. Immer wieder begegnen mir sowohl ältere als auch jüngere Menschen, die von vielen Werten, die sie in ihrem Leben realisieren, zu berichten wissen. Die eben diese Werte nicht nur denken, sondern diese Werte auch tun, die sich einsetzen, die für diese Werte einstehen, die sich nichts schenken und doch in ihrem Inneren in ihrem tiefsten Sein leer sind. Wie kommt das?
Eine Sinnerfahrung, eine Sinnerfüllung wie Frankl sie in seinem Zitat versprochen hat, stellt sich nicht ein und die Menschen finden keine Erklärung dafür. Sie sagen: "Wir tun doch soviel". Sie tun auch objektiv gesehen sehr viel Gutes, sehr viel Richtiges und doch ist es als sei das ganze Tun von einem hämischen Umsonst begleitet. Irgendwo im Inneren grinst mich die Fratze des "Umsonst" an, es kommt nicht zur Erfüllung. Ich bleibe leer, ausgebrannt, am Ende.
Es sollte uns zu denken geben. Mir macht das immer wieder Kopf zerbrechen, daß vor allen Dingen in Bereichen, in denen Werte sehr viel gehandelt werden - etwa im Bereich der Kirche - dieses Leersein am häufigsten anzutreffen ist. Das tut weh, weil hier eine ganz große Gefahr ist und sehr, sehr viel von den Menschen gelitten wird. Ich will dieses Phänomen dann auf eine andere These auf eine Grundthese der Existenzanalyse beziehen.
Nur dann, kann es zur Tyrannei der Werte kommen wenn ein Wert übersehen wird, wenn ein Wert vernachlässigt wird, oder ständig in den Hintergrund gedrängt wird, nämlich der Grundwert des Lebens. Der nur in der Annahme des Wertes "Ich bin" erfahren werden kann. Wenn ich mich selbst übersehe, wenn ich mein Personsein nicht in diese Welt hineinbringe, dann droht ständig die Gefahr der Tyrannei der Werte in dem selbst übersehen, indem sich selbst in den Hintergrund stellen, ist jeder Tyrannei - und das nicht nur innerpsychisch - sondern auch
politisch, ist jeder Tyrannei der beste Boden bereitet.
Die Machthaber brauchen Menschen, die sich ständig selbst in den Hintergrund stellen und die sich vor lauter Demut nicht mehr aus dem Staub zu erheben wagen. Das ist eigentlich auch das Traurige von dem, was in der DDR passiert. Daß vor einem Jahr Menschen aufgestanden sind und gerufen haben: "Wir sind das Volk" und in diesem Schrei, einen Wert in die Welt geschleudert haben, der heute schon korrumpiert worden ist von der Marktwirtschaft. Ich weiß aus vielen Gesprächen, daß diese Menschen die im Vorjahr in Leipzig auf die Straße gegangen sind, heute in einer schweren Depression stecken, weil sie sagen: "Wir sind auf die Straße gegangen, in dem Bewußtsein auf uns kann geschossen werden, aber für diese Werte, die heute kommen, sind wir nicht auf die Straße gegangen." Auch hier ist genau das passiert, daß eine Welle von Tyranneien - auch die DM kann eine Tyrannei sein - hinweg gefegt ist über die persönlichen Werte, die hier ganz zart angefangen haben sich zu entwickeln. Wir reden immer von der historischen Stunde, aber wir haben eine historische Chance vertan, die wir in den nächsten Jahren so nicht wieder bekommen können. Es ist ein ganzer Wert verkauft worden. Frankl nennt das eine geistige Fruchtabtreibung.
Also ohne die Einwilligung in den Wert - "Ich bin" - ist der Tyrannei der Werte ein fruchtbarer Boden bereitet und die wirkliche Aufgabe von Wertverwirklichung ist die, die auf mich wartet. Daß vor allen Werten, die realisiert werden wollen und sollen, ich mich als Wert ergreifen muß und das ist die schwierigere Aufgabe. Viele Menschen greifen lieber nach den Werten draußen, um nicht sich selbst als Wert ergreifen zu müssen. Denn sich selbst als Wert zu ergreifen, wird bedeuten mit seiner eigenen Freiheit und seiner eigenen Verantwortung in Kontakt zu kommen. Aber Kierkegaard hat schon gesagt: Die Angst, ist der Schwindel der Freiheit.
Das heißt es wird einem schwindlig vor Angst und viele halten diese Angst nicht durch, kompensieren diese Angst, indem sie nach den Werten da draußen greifen. Es ist leichter die Welt zu verändern als sich selbst. Romano Guardini sagte es in seiner Sprache einmal so:
Ich kann mich selbst nicht erklären, noch mich beweisen, sondern muß mich annehmen und die Klarheit und die Tapferkeit dieser Annahme, bildet die Grundlage allen Existierens. Wenn ich mir selbst gegeben bin, dann ist mir eben darin meine Lebenschance gegeben.
Gerade dieser letzte Gedanke ist so wichtig, wenn ich mir selbst gegeben bin, dann ist mir genau darin meine Lebenschance gegeben. Welches Selbstverständnis und welches Weltverständnis die Seinsart meines Menschseins prägen? Diese Frage ist von fundamental pädagogischer und fundamental ethischer Bedeutung.
Welches Selbstverständnis prägt mich? Wie selbstverständlich bin ich mir und dieses Selbstverständnis ist nichts Oberflächliches, dieses Selbstverständnis geht in die tiefste Schicht der Existenz und bleibt nicht bei der Charakterstruktur stehen. Deshalb kann sich auch Erziehung und Pädagogik niemals nur in der Vermittlung von Werten erschöpfen. Wenn wir die Pädagogik auf diesen Aspekt reduzieren, dann ist die Pädagogik ein Instrument der Tyrannei geworden. Kinder nicht zuerst an Werte heranzuführen, die von außen gesetzt sind, sondern Kinder brauchen eine Begleitung, daß sie es lernen können ihren Selbstwert zu entdecken und diesen Selbstwert zu glauben.
Es geht deshalb in der Pädagogik nicht primär um Handlungsanweisung, auch nicht um Handlungsmaxime und seien es die bedeutendsten und die größten, sondern es geht in der Pädagogik, wie in allem Menschsein, um Begleitung und um Verstehen!
Im Prozeß der ethischen Erziehung gehen Menschen miteinander einen Weg. Einer begleitet den anderen und im Vorgang des Begleitens soll sich Verstehen ereignen. Vor der Belehrung steht das Verstehen und ein Kind und ein Mensch, der sich nicht verstanden weiß, kann nichts lernen. Ein Mensch, der sich nicht verstanden weiß, kann keine Erkenntnis mehr gewinnen. Er kann nur mehr Informationen speichern. Dann kann man von Abrufkompetenz reden. Gerade das Verstehen, das sich nur im Begleiten ereignet ist die Voraussetzung für Erkenntnis.
Wenn wir dieses Verstehen nicht mehr leisten wollen oder meinen es nicht mehr leisten zu brauchen, dann haben wir in der Pädagogik ausgespielt und wir könnten die Computer einsetzen. Die liefern bessere Informationen, vor allen Dingen lupenreiner als jeder Pädagoge und jede Pädagogin, aber er versteht nichts. Wenigstens nicht den Menschen in seinem Sein.
In der Begleitung des Miteinanders im Vorgang dieser Begleitung wird das eigene Sein, auch das eigene Sein des Kindes in einer dreifachen Weise erfahren. Begleitung heißt nämlich, daß ich Raum habe mein Selbstsein zu erfahren, daß ich aber auch mein Mitsein erfahre und auch mein "in der Welt sein". Konzentrische Kreise dehnen sich immer mehr auf, vom Selbst-Sein zum Mit-Sein zum In-der-Welt-Sein. Ich glaube, daß dieser Schritt und dieser Weg nicht umgekehrt gegangen werden kann.
Verkümmert aber der Selbstwert, dann verliert sich nämlich die sensible Fähigkeit, Werte des Lebendigen zu spüren. Gerade das Phänomen, daß wir Werte spüren müssen und sie nicht intellektualisierend weitergeben können, gerade diese Bedingung Werte zu spüren ist gekoppelt an das Selbst-Sein-Können. Je mehr jemand er selbst sein kann, desto größer, desto sensibler ist die Fähigkeit, Werte gefühlsmäßíg zu erfassen. Ist dieser Selbstwert nicht da, macht sich eine Unsicherheit im ganzen Wertempfinden breit und diese Unsicherheit wird wieder kompensiert damit, daß wir uns gerne Werte vorsetzen lassen, weil in dieser Wertsetzung für einen Augenblick die Unsicherheit der Existenz aufgehoben ist und doch nicht trägt. Viele Menschen sind aufgehoben, aber sie fühlen sich nicht getragen und deshalb müssen sie ständig neue Aufheber und Aufheller, je nach dem, man kann das auch medikamentös machen, heranzaubern. Es gibt auch im Schauen nach Wertkategorien ein Suchtverhalten. Wenn mein Selbstwert nicht stimmt und ich greife nach außen und bin eigentlich sehr anfällig für alles, was von außen gesetzt wird. Es ist wirklich erschreckend und traurig, wie wenig Menschen sich als einen Wert erfahren haben und auch erfahren können.
In der Tiefe ist der Selbstbezug der eigenen Werterfahrung gestorben oder gestört und diese Störung des Selbstbezuges ist die Grundlage vieler psychosomatischer und sozialer Störungen. Ich bleibe dabei, wer die Welt verändern will, muß den Menschen in seinem Grundbezug ernst nehmen, sonst ist alles nur Symptomkuriererei. Das ist eben die Arbeit die sehr viel Zeit, sehr viel Geduld. sehr viel Hoffnung bedeutet. Wenn der Selbstwert nicht in genügender Weise erfahren und gelebt wurde, dann ist auch der Wert der ich bin, der Weg zu dem Wert, der ich bin oft sehr lang und sehr schwer und manche kommen erst über viele Schuldgefühle und Ängste wieder zurück zum eigenen Wert.
Hat man sich zu schnell nach außen begeben, hat man sich zu schnell identifiziert, mit den Werten draußen, dann ist die Rückreise wirklich eine Reise an den Ungeheuern vorbei, die mich eigentlich hindern wollen zu mir selbst zu kommen. Diese Schuldgefühle quälen Menschen unablässig. Aber es ist eine lohnende Aufgabe vielleicht sogar die lohnendste überhaupt.
Ich habe gedacht als Reinhold Messner vor einiger Zeit aus dem Südpol zurückkam, ich möchte einmal ein Buch schreiben mit dem Titel," Ich stand nie auf dem Everest". Ich möchte ihnen in diesem Buch von den Leistungen der Menschen erzählen, die sich als Selbstwert wiederentdeckt haben, das ist mehr als so eine Besteigung.
Wir dürfen nicht vergessen, daß eine gestörte Selbstbeziehung auch die Beziehung zu allem anderen, was wert ist - gefährdet. Die Selbstsicht wird nämlich zur Weltsicht. Ich kann eben nicht aus der Welt zu mir schauen, sondern ich muß von mir in die Welt schauen. Wenn aber das, woraus ich schaue, nicht wert ist, dann werde ich auch das was ich schaue nicht als Wert empfinden können. Das ist dann auch erschütternd, wenn ich mit alten Menschen zu tun habe, die angesichts einer großen Wertfülle ihres Lebens sagen: "Das war doch alles Nichts". Sie sagen im Grunde nur, ich habe zwar viel getan, aber ich habe mich selbst als Wert nie erfahren können und jetzt muß ich doch sagen, es war "Alles Nichts". Diese Abwertung des eigenen Lebens tut dann auch wieder weh.
Das erinnert mich an die Geschichte von zwei Beduinen aus der Wüste. Sie finden an einer Quelle einen Europäer, der verdurstet ist. Sagt der eine Beduine zum anderen: "Schau, er ist ein Europäer. Er hat die Quelle sicher für eine Fata Morgana gehalten." So halten viele Menschen ihren Selbstwert für eine Fata Morgana. Sie denken, da ist doch nichts und sie verdursten und verhungern mitten in der Fülle. Deshalb meine ich sollten wir achtgeben, daß es nicht zu einer Tyrannei der Werte kommt.
Es geht also dann in einer wertorientierten Psychotherapie, wie sie etwa die Existenzanalyse darstellt, um eine doppelte Bewegung. Einmal hin zu mir, als Wert, hin zu mir in meinem Person-Sein. Das ist der Aspekt der Freiheit. Indem ich zu mir stehen kann, zu mir als Wert bin ich frei und es geht dann auch um die andere Bewegung hin in personaler Freiheit mit meinem ganzen Wert zu den Menschen, hin in die Welt, hin auf die Werte, die mich ansprechen. Das ist der Aspekt der Verantwortung. Deshalb können wir Freiheit und Verantwortung als die beiden Türangeln, in denen sich unsere Existenz dreht, bezeichnen und ich meine diese Grundbewegung hin zu mir und von mir und mit mir, aber dann auch bitte wirklich hinaus in die Welt. Der ganze Egoismus entsteht nur aus diesem nicht gelungenen Selbstbezug oder aus dem nicht gelungenen Weltbezug. Beide Bewegungen müssen stimmen. Menschsein heißt in dieser Spannung stehen und wo wir diese Bewegung hin zu mir und hinein in die Welt nicht mehr leben - und die muß ständig gelebt werden - da wird ein Pol sozusagen übergewichtig und der bringt das Ganze aus dem Gleichgewicht. Mit allen neurotischen Folgen und Erscheinungen.
Damit ich meinen Selbstwert aber erfassen kann, muß ich eine neue Sensibilität entwickeln.
Viele Menschen sind so, daß dann, wenn ein Wert auf sie zu kommt, wenn sie berührt sind, von etwas angesprochen sind, ob das ein Mensch ist oder eine schöne Situation, aus der Kunst. Das kann alles sein und das ist ja das Schöne und Spannende dabei, daß dann wenn ich mir selber wert bin, ich nicht hergehen muß und die Welt schon einteile in Gut und Böse. Es kann mich alles berühren, es kann mich alles treffen, es kann alles zu einem Anspruch werden, das heißt die Angst nimmt auch ab. Aber viele sagen dann, wenn sie von einem Wert, von etwas Schönem, etwas Gutem, von etwas Erfreulichem befaßt sind oder berührt sind, sie lassen diese Berührung sozusagen nur noch auf der Haut kitzeln. Sie verlängern diese Bewegung nicht bis in die Tiefe ihres Herzens, dieses leise in Schwingung kommen, diese leisen Wertschwingungen werden gar nicht mehr wahr genommen und deshalb gibt es auch keine Tiefenerfahrung mehr, keine Erfahrung mehr, daß in der Tiefe Wahrheit ist. Wir müssen also sehen, daß dort, wo mich Werte außen ansprechen, in mir selbst eine wirkliche Resonanz entsteht. Ist aber mein Resonanzboden klein, weil ich ihn immer entwerte, dann kommt es auch zu keiner Schwingung, dann wird das ganze Leben zu einer unerträglichen Last. Dann gibt es eigentlich im Empfinden keine Werte mehr, sondern nur noch Pflichten. Alles wird dann zur unerträglichen Pflicht, wenn ich im Innersten mit dem was ich tue und will nicht mehr mitschwingen kann. Das ist ein sehr sensibles und wichtiges Instrument, um herauszubekommen, tu ich weil ich es muß, tu ich weil ich es will. Wollen kann ich nur dort, wo ich berührt bin. Wie aber kann es dazu kommen, daß man wieder die Tyrannei der Werte sich selbst ein bißchen schützt.
Eine Geschichte, in der das in unvergleichlicher Weise nachgezeichnet ist, ist die Geschichte des Exodus. Der Auszug aus Ägypten und wenn ich jetzt Ägypten benutze ist es nichts gegen das Land auch nichts gegen die Kultur Ägyptens, gegen die doch sehr hohe Qualität von Religiosität, aber sie können daran spüren, daß umgeben von höchster Kultur und von faszinierender Religiosität, ich dort ersticke und in die Tyrannei gerate, wenn es nicht meins ist.
Dieses kleine Volk, das aus der Wüste kam und vor lauter Hunger nicht wußte wohin, sich nach Ägypten rettet, ist umgeben mit Brot, mit Kunst, mit Religion, die Welt ist eigentlich fertig. Doch kann sich dieses Volk in dieser Welt nicht heimisch machen, es sind nicht seine Werte. Man kann es ja von außen kaum verstehen. Das ist aber genau das Problem, mit dem viele Menschen zutun. Daß dann, wenn sie in diese Welt kommen, sie immer feststellen müssen, alles ist alles schon geregelt. Es ist für alles gesorgt, für das Essen, für die Bedürfnisse auch für
die religiösen Bedürfnisse. Menschen, die heute geboren werden, kommen in eine Welt, in der alles fertig ist. Man brauchte sich nur noch bedienen nur was das ich antreffe ist nicht das meine und das ist das Problem.
Peter Sloterdijk hat einem faszinierenden kleinen Buch, "Zur Welt kommen, zur Sprache kommen" das folgendermaßen gesagt: Die Mutter wird vom Kind entbunden und das Kind wird an die Welt geheftet .
An dieser Weltverhaftung und dieser Wertverhaftung, finden wir uns immer schon vor. Bevor wir auf den eigenen Füßen stehen, spüren wir, daß wir in der Welt verhaftet sind und daß es unsererseits noch einmal sehr darauf ankommt uns selbst zu gebähren. Nämlich aus dieser Verhaftung, aus diesen Wertverhaftungen aus der Verhaftung an das, was nicht das meine ist - heraus. Damit beginnt der Exodus. Dieses Volk hat sich nicht gewöhnt an seine Verhaftung. Es hat sich nicht gewöhnt an sein Sklavendasein. Und wir dürfen uns nicht an unsere eigene Unfreiheit und niemals an den Verlust unseres Selbstwertes gewöhnen.
Frankl zitiert oder sagt es so: Unser Selbstverständnis - sagt uns wir sind frei.
Im tiefsten Selbstverständnis wissen wir, daß wir frei sind. Dieses Selbstverständnis jedoch, die Selbstverständlichkeit dieses Urtatbestandes, das ist Frankl wie er die Dinge dreht. Ich lese es noch einmal: Unser Selbstverständnis sagt uns wir sind frei.
Dieses Selbstverständnis, die Selbstverständlichkeit dieses Urtatbestandes unserer Freiheit, kann jedoch sehr wohl abgeblendet sein. Und abgeblendet ist unsere Freiheit, wenn der Selbstwert abgeblendet ist. Und es ist dann eine Aufgabe von Pädagogik, von Therapie und auch von kirchlicher Verkündigung diese Sehnsucht nach der eigenen Freiheit wachzurufen. Und nicht die Leute im gesunden Kirchenschlaf zu belassen, der ja keinem gefährlich wird. Die Sehnsucht nach meiner Freiheit kündet sich ja an, in dem Schrei, in dem Menschen zur Welt kommen. Aber in dem ich schreie, wird mir gesagt, du mußt meine Sprache lernen. Und nun werde ich in der Schule darauf getrimmt eine Sprache zu lernen, eine wertorientierte Sprache. Wir haben eine ganz große Verkümmerung der inneren Sprache und das ist auch ein Zeichen von Tyrannei der Werte.
Ich habe auch da mit vielen Menschen zu tun, die ungeheuer intellektuell sind, die ein Sprachvolumen haben, an das ich bei weitem nicht herankomme, aber sie haben keine Sprache für ihre eigenen Gefühle. Auch das Sprechen lernen ist ein Prozeß der Verhaftung und wenn ich mir so anschaue, wie in der Schule, Lesen und Schreiben und Sprechen gelernt wird, ist es eine Isolierhaft gegen die eigenen Gefühle. Man wird dann gut in der Schule, wenn man lernt, sich selbst herauszuhalten. Nicht soviel Eigenes dazu zu tun und die Sache sachlich darzustellen. Da beginnt dann auch die Verarmung der Gefühle. Alles das - solche Dinge können sie unter dem Stichwort unter dem Symbol "Ägypten" einmal für sich zusammenfassen und sich selbst fragen wie bin ich eigentlich n ach Ägypten gekommen. In diese wunderschöne Welt. Heidegger sagt: Die Sprache ist das Haus des Seins.
Aber was, wenn es nicht meine Sprache ist, dann habe ich kein Haus. Also so diese Frage sich einmal selbst zu stellen, wie kam ich eigentlich nach Ägypten?
Welche Not hat mich dahingetrieben?
Es gibt existentielle Nöte, es gibt körperliche Nöte, es gibt Dinge zu denen man genötigt ist, die man tut, weil sie einem das Leben retten. Wie aber wenn ich aus der Verhaftung nicht mehr herauskomme, wenn ich den Mut nicht mehr entwickle mich immer im Exodus gegenüber allen Werten zu befinden. Die christliche Botschaft ist die Botschaft des Exodus, des Herausgehens. Ich denke, daß es eine Botschaft ist des Herausgehens von allen Werten, um auf neue zugehen zu können.
Genau das tut das Volk, es geht heraus, es flieht. Auf diesem Weg werden ihm wesentliche Dinge zugemutet, die ich kurz andeuten möchte, weil sie unabdingbar sind für die Erfahrung von Selbstwert.
Das erste, was eine ganz wichtige Erfahrung ist: man flieht, man läßt die alten Werte hinter sich. Dann kommt die Geschichte mit dem Schilfmeer. Auf einmal geht es nicht mehr weiter, vorne das Meer und hinten die Ägypter. Das heißt die Werte, die man verläßt, sind damit nicht aus der Welt, sie setzen uns nach. Werte sind hartnäckig und aufdringlich. Auch die Tyrannen, die ja noch mehr. In dieser Situation eingekeilt zwischen vorne trägt noch nichts, die neuen Werte sind noch nicht tragender Grund und von hinten jagen die alten Werte nach und machen Angst. Da geschieht Verzweiflung. Aber in der Situation der Verzweiflung ist man von der Weisheit eigentlich nie weit entfernt. Verzweiflung ist sehr nahe mit Weisheit verbunden. Was wird diesem Volk zugemutet. Es wird im zugemutet, daß es auf den Grund des Meeres geht. Man kann nicht einfach so über das Wasser laufen. Wichtig ist, den Dingen auf den Grund zu gehen und eine Grunderfahrung zu machen. Psychotherapeutisch gesprochen heißt das, wider die Tyrannei der Werte sich schützen heißt, mir selbst in meinem Unbewußten auf den Grund kommen. In diesem Zusammenhang hat Frankl einen Begriff geprägt, er spricht vom "Geistig Unbewußten". Damit ist nicht das triebhaft Unbewußte von Freud gemeinte, auch nicht das kollektive Unbewußte des Archetypes von C. G. Jung. Alles - das triebhaft Unbewußte, kollektive Unbewußte kann sich noch einmal zur Tyrannei der Werte entfachen. Auch die Archetypen können tyrannisieren. Hier geht es also darum, dem eigenen Unbewußten auf die Spur zu kommen und festzustellen, daß es das Bild, das im Exodus, in der Schilfmeergeschichte liegt, daß der eigene Grund trägt.
Auf diesem Grund, auf den ich mich aber einlassen muß, begegne ich nichts anderem, als dem Leben. Es wird im Text gesagt, das Volk sollte sich lagern gegenüber von Baalzefon. Baalzefon war ein Standbild von Baal. Von Baal wurde erzählt, daß er in einem dramatischen Kampf die Götter und die Ungeheuer besiegt hatte und auf den Grund des Meeres verbannte. Und auf dem Grund des Meeres hausen nun die Ungeheuer, die sobald ein Mensch auftaucht, diesen Menschen zunichte machen. Genauso denken viele Menschen über ihr Unbewußtes. Die Ungeheuer die man dorthin verbannt hat, die man verdrängt hat, die man im Kampf beseitigt hat, schlummern dort unten. Aber man muß schauen, ob es wirklich so ist, denn wenn ich immer noch Angst habe, mich im Tiefsten auf mich selbst einzulassen, bis in die Sphäre des Unbewußten, bleibe ich doch wieder jeder Tyrannei der Werte gegenüber anfällig. Nur ein Mensch, der in sich selbst gegründet ist, kann frei sein. Das wäre dann sowieso ein Vortrag für sich, diesem Aspekt einmal nachzugehen, wie kann ich denn an mein Unbewußtes wirklich herankommen, an diesen tragenden Grund. An die wie Frankl das sagt, an die tiefen Personen. An das, was sich in der Tiefe wirklich verbirgt. Das wird also zugemutet, sich selbst im Grund zu spüren. Spüren Sie Ihren eigenen Grund? Was ist für Sie Lebensgrund? Oder schwimmen sie mehr an der Oberfläche und die Angst nimmt zu.
Dann geht es weiter mit diesem Volk, ein anderer Akzent, der auch sehr wichtig ist, damit man lernt, gegen die Tyrannei der Werte zu leben. Das ist die Geschichte vom Manna. Sie kennen diese Situation, das Volk hat Hunger und in dieser Hungersituation kommt zunächst einmal die Empörung und eine Verklärung der Vergangenheit. Dort wo der Hunger nagt, wird die Vergangenheit so schön. Dort wo keine neuen Werte da sind, werden die alten Werte verklärt. Das ist ja geradezu das Kennzeichen einer Übergangszeit, einer Krisenzeit, weil das Neue noch nicht wirklich grundsätzlich spürbar ist, werden auf einmal die alten Werte verklärt und man sehnt sich zurück nach der guten alten Zeit, in der noch Werte gegolten haben, aber das ist trügerisch. Ägypten ist nur aus der Distanz schön. Die Fleischtöpfe Ägyptens waren gar kei ne, es waren auch Hungertöpfe. In der Distanz und in der Not wird die Vergangenheit verklärt, damit - in der Verklärung der Werte von früher, mache ich sie wieder zu Tyrannen. Das Volk wäre fast an dieser Verklärung gescheitert. Dann machen sie aber eine Erfahrung, die für das Leben unbedingt wichtig ist. Wüste bedeutet, daß es der kleinste Horizont ist, in dem Menschen Leben können. Wir wollen immer den großen Welthorizont, wir wollen den Sinn des Lebens finden. Wir wollen die Werte, die absoluten Werte wissen, wir wissen sie nicht. Wir sind verwiesen in unserem Wüstenhorizont und Wüste heißt in dieser Grunderfahrung des Exodus: Für heute ist gesorgt. Wenn du den Mut hast, dich auf heute einzulassen, wirst du überleben. Vor dir die Wüste, hinter dir die Wüste und mittendrin, im Hier und Jetzt ist für dich gesorgt.
Ich glaube, daß dies eine ganz neue Wertedynamik hervorbringt, wenn wir die Fähigkeit entwickeln könnten, die Werte herauszuspüren, die jetzt dran sind. Nur im Hier und Jetzt lassen sich wirklich Werte erfassen und verwirklichen und man lebt.
Bis es zu einer noch tolleren Erfahrung kam, daß an einem Tag doppelt soviel Manna da war als sonst. Wie schön. Einmal brauchte man nicht herauszugehen und zu sammeln, man brauchte um im Sprachgebrauch der Existenzanalyse zu bleiben, keine schöpferischen Werte verwirklichen, man konnte Erlebniswerte verwirklichen. Ein Tag war frei. Da beginnt übrigens aus der Erfahrung der Sabbat, der Sonntag. Der Sonntag, das Sabbathalten ist gar kein Gebot: du sollst nicht ..., sondern es ist eine Erfahrung heute ist soviel da, daß ich morgen nichts tun muß. Das ist toll - heute bin ich befreit zum Erleben. Auch hier liegt die Erfahrung vor der Theorie. Dann kommt die Ironie. Einige sagen:" Also sammeln wir jeden Tag doppelt, dann haben wir jeden zweiten Tag frei." Sie scheffelten Werte auf Vorrat, sie wollten schon heute wissen, welcher Wert morgen für sie reicht. Und sie machen eine Erfahrung, daß das was sie doppelt gesammelt hatten, am anderen Tag stinkt. Die Werte von gestern stinken. Damit kann man nicht leben, man verdirbt sich den Magen daran. Das heißt wir sind aufgefordert in dieser Wachheit unserer Existenz jeden Tag hinzuschauen, jeden Tag genau hinzuschauen und uns nicht auf das Manna von gestern zu verlassen. Einmal in der Woche ist es gut, aber nicht als Lebensprinzip. Es gibt die Befreiung zu den schöpferischen Werten aber es darf nicht zur Tyrannei der Werte von gestern über die Werte von morgen oder gar von heute kommen.
Mit dieser Erfahrung gestärkt, kommt nun eine letzte - es gibt noch sehr viel mehr Aspekte in der Exodusgeschichte, die hier interessant wären - aber von dieser Erfahrung gestärkt, kommt noch eine letzte, doch sehr kritische Begegnung. Nämlich die Begegnung mit dem Gott, der Gebote gibt. Ist jetzt alles am Ende, sind jetzt doch, die Werte die Gebote - das Letzte? Aber beachten sie ganz genau. Ich hatte gesagt, bevor es um die Frage geht, was sollen wir tun, geht es um die Erfahrung, daß ich wert bin. Bevor dieses kleine Volk in der Wüste an den Berg kommt, hat es eine langjährige Erfahrung gemacht, daß es selbst wert ist. Es war keine Belehrung vor dem Auszug des Exodus, wie man in der Wüste gut durchkommt oder was man einhalten muß, daß man ins Gelobte Land kommt, was man tun muß, damit man in den Himmel kommt. Kein Wort darüber. Die ganze Erfahrung bis zum Berg ist eine Erfahrung - du bist wert! Um dein Wertsein, ist sich immer schon, spärlich aber doch, immer schon gekümmert, worden. Wo diese Erfahrung ausbleibt und wo diese Erfahrung nicht als Erfahrung lebbar wird, wird jedes Gebot - auch das göttliche - zum Tyrannen. Vor den Geboten, vor dieser Klammer steht ein Vorzeichen und das heißt: L E B E N. Die Frage nach dem ersten Gebot wird mir immer so beantwortet: "Das erste Gebot heißt, ich bin der Herr dein Gott, du sollst nicht . . ." Das ist falsch. Das ist abgrundtief falsch, weil etwas ganz anderes gesagt ist und da wo es im Alten Testament gesagt ist, ist es ja eine Herausforderung, daß wir das auch leben. Es wird gesagt: Ich bin der Herr, dein Gott, er dich aus Ägypten herausgeführt hat. Der dir Leben schenkt, der dir erst einmal klar gemacht hat, daß du einen Selbstwert hast und bevor ich überhaupt darangehe Gebote aufzustellen, ist mir wichtig, daß du deinen Selbstwert kennst.
Und damit ist auch gesagt, daß die Gebote nicht das letzte Absolute sind, die Gebote stehen in einem Bezug zum Leben. Die Gebote haben nur einen Sinn, daß ich leben kann. Ich lebe nicht für die Gebote, sondern die Gebote sind für mich da. Es kann sehr wohl ein Wert sein, die Wahrheit sein, ein Gebot um der Liebe wollen zu übertreten. Die Gebote sind kein Wert an sich. Sie haben einen Bezug zu Gott, sprich zum Leben. Und man kann um Gottes Willen, die Gebote verletzen. Wer das nicht wagt, ist in der Gefahr sich der Tyrannei der Gebote unterzuordnen. Das ist die Freiheit eines Christenmenschen, weil das mit dem Selbstwert etwas zu tun hat. Also das Vorzeichen beachten.
Das ganze möchte ich schließen mit einem Text aus dem Kaukasischen Kreidekreis von Berthold Brecht. Die Szene als die Gusche, das Kind nimmt, das dort liegt und ein Wert ist. Sie werden in dieser Geschichte merken, daß hier etwas anderes geschieht. Daß hier das gleiche geschieht, aber doch etwas ganz anderes, daß ein Wert über eine Person Macht gewinnt und diese Machtgewinnung keine Tyrannei ist.
Guardini hat einmal gesagt: Der Wert ist der Kostbarkeitscharakter der Dinge.
Diesem Kostbarkeitscharakter Raum geben, heißt auch dieser Kostbarkeit über meinem Leben Macht einzuräumen.
Ich will die Szene nur kurz erklären. Es bricht ja die Revolution aus. Revolution heißt immer wieder die alten Werte gelten nicht mehr und die neuen Werte spielen sich als Tyrannen auf. Zwischen Tür und Angel steht Grusche. Die Fürstin hat ihr Hab und Gut retten wollen, das Gesinde ist weg, das Kind, als Kind des Fürsten ist nur belastend. Wird man sie mit dem Kind antreffen, steht sie in der Gefahr auch selbst verhaftet oder getötet zu werden. Grusche legt das Kind nieder, betrachtet es einige Augenblicke, holt aus den herumstehenden Koffern Kleidungsstücke und deckt damit, das immer noch schlafende Kind zu. Dann läuft sie auch in den Palast um ihre Sachen zu holen. Man hört Pferdegetrappel und das Aufschreien von Frauen. Grusche trägt ein Bündel und geht auf das Portal zu, fast schon dort, wendet sie sich um zusehen um das Kind noch da ist. Da beginnt der Sänger zu singen, sie bleibt unbeweglich sehen:
Als sie nun stand zwischen Tür und Tor
hörte sie oder vermeinte zu hören, ein leises Rufen.
Das Kind rief ihr, wimmerte nicht, sondern rief ganz verständig,
so jedenfalls wars ihr.
Frau, sagte es, hilf mir und es fuhr fort, wimmerte nicht,
sondern sprach ganz verständig:
Wisse Frau, wer einen Hilferuf nicht hört,
sondern vorbei geht verstörten Ohrs,
nie mehr wird der hören, den leisen Ruf des Liebsten,
noch im Morgengrauen die Amsel,
oder den wohligen Seufzer der erschöpften Weinpflücker.
Dies hörend ging sie zurück, das Kind noch einmal anzusehen, nur für ein paar Augenblicke bei ihm zu sitzen, nur bis wer käme. Die Mutter vielleicht oder irgendwer. Nur bevor sie wegging, den die Gefahr war zu groß, die Stadt erfüllt von Brand und Jammer. Schrecklich ist die Verführung zur Güte. Lange saß sie beim Kind, bis der Abend kam, bis die Nacht kam, bis die Frühdämmerung kam. Zulange saß sie, zulange sah sie. Das stille Atmen, die kleinen Fäuste, bis die Verführung zu stark wurde gegen Morgen zu und sie aufstand sich bückte und seufzend das Kind nahm und es wegtrug. Wie eine Beute nahm sie es an sich, wie eine Diebin schlich sie sich weg.
Werte entstehen nur dort, wo ich mich einlasse auf das, was jetzt not tut. Ich bin davon überzeugt, daß die Welt lebt, weil es immer wieder Menschen gibt, die sich um die Wertphilosophie einen Dreck kehren, sondern sich verlassen auf ihr Herz.
Die Grusche bekommt ja viel Ärger und findet zum Glück jemand, der dieser Sprache des Herzens im Außen auch zum Recht verhilft. Aber hier in dieser Begegnung, in diesem Augenblick, in diesem Zwischen - du und ich - in der Anschauung der Dinge und in der Anschauung der Menschen, dort wachsen die Werte, und von diesen Werten leben wir und für diese Werte lohnt es sich zu leben, auch wenn sie niemand sieht.
Emanuell Levinas, der große, französische Phänomenologe und Philosoph, hat einmal gesagt:
Das Antlitz des Anderen gebietet mir, du wirst mich nicht töten.
Wenn ich hinschaue, dann spüre ich den Wert.
Und dann wird das Leben lebenswert.
Es sind also die stillen Werte um die es geht
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