Wi­der die Ty­ran­nei der Wer­te
Vortrag Günter Funke, Pädagog. Werktagung 1989
                            
An­ge­sichts ei­ner Ta­gung, die schwer­punkt­mä­ßig mit Wer­ten ar­bei­tet und bis­her ge­ar­bei­tet hat, möch­te ich nicht be­gin­nen mit lie­be Gä­ste, son­dern wer­te Gä­ste.
So ein Ge­dan­ke aus un­se­rem Werk­kreis, den wir in den letz­ten Ta­gen mit­ein­an­der ge­stal­tet ha­ben ist der, ob ich das ken­ne, daß ich auch noch ge­spannt auf mich selbst bin. Sie kön­nen mir ab­neh­men, daß ich sehr ge­spannt auf mich selbst bin und auch auf sie.
Als ich be­gon­nen hat­te vor län­ge­rer Zeit mich mit dem Ta­gungs­the­ma aus­ein­an­der­zu­set­zen - ei­gent­lich be­schäf­ti­ge ich mich durch mei­ner Ar­beit stän­dig mit Wer­ten - und na­tür­lich auch mit der Fra­ge nach Sinn. Aber als ich be­gon­nen hat­te mich da­mit aus­ein­an­der­zu­set­zen und mir vor­stell­te, daß wir hier fast ei­ne gan­ze Wo­che lang über Wer­te nach­den­ken und ar­bei­ten woll­ten, hat­te ich ein be­klem­men­des Ge­fühl. Und die­ses Ge­fühl hat sich so­fort in ein Bild ver­dich­tet: über­all um mich he­rum tauch­ten Men­schen, tauch­ten Ge­bo­te, tauch­ten Ver­bo­te auf. Ich fühl­te mich auf ein­mal von Wer­ten um­zin­gelt und mir ging es nicht gut da­bei. Es wur­de ir­gend­wo eng. Aus die­sem En­gege­fühl her­aus ha­be ich die Flucht nach vor­ne an­ge­tre­ten und ge­sagt, wenn das zu­viel wird mit den Wer­ten, dann be­kom­men Wer­te die­sen Char­ak­ter der Ty­ran­nei. Ich füh­le mich ty­ran­ni­siert, ein­ge­engt, ein­ge­sperrt.
Vor lau­ter Wer­ten se­he ich das We­sent­li­che nicht mehr, d. h. die Wer­te ver­stel­len die Wahr­heit. Mir fiel in die­sem Zu­sam­men­hang dann ein, die­se For­mu­lie­rung wi­der die Ty­ran­nei der Wer­te, die nicht von mir ist, son­dern von dem be­kann­ten Phi­lo­so­phen Ni­ko­lai Hart­mann. Als ich dann das The­ma for­mu­liert hat­te, ka­men mir Fra­gen. Vor al­len Din­gen die kri­ti­sche Fra­ge, ist denn das The­ma "Wi­der die Ty­ran­nei der Wer­te" nicht ein Wi­der­spruch in sich selbst. Kann man denn wirk­lich von ei­ner Ty­ran­nei der Wer­te spre­chen? Oder müß­te man sa­gen, wenn Wer­te ty­ran­ni­sie­ren, sind sie kei­ne Wer­te mehr.
Zu­nächst woll­te ich mich auch auf die­sen Ge­dan­ken ein­las­sen, stell­te aber fest, daß ich da­mit zu schnell den Kopf aus der Schlin­ge zie­he. Ich blieb da­bei Wer­te kön­nen ty­ran­ni­sie­ren. Das be­deu­tet aber nicht, daß wir nun grund­sätz­lich von ei­ner ne­ga­ti­ven Be­deu­tung der Wer­te aus­ge­hen. Grund­sätz­lich ge­hen wir, wir in der Exi­stenz­a­na­ly­se, von ei­ner po­si­ti­ven Be­deu­tung und auch von ei­ner po­si­ti­ven Aus­wir­kung von Wer­ten aus. In der Hoff­nung, daß Wer­te et­was Gu­tes, et­was Po­si­ti­ves, et­was Wahr­haf­ti­ges bein­hal­ten und daß sich die­ses Wahr­haf­ti­ge, das im Kern ei­nes Wer­tes ein­ge­schlos­sen ist, sich bei der Ent­fal­tung des Wer­tes mit aus­brei­tet.
Wer­te so könn­ten wir ganz all­ge­mein sa­gen, for­dern uns her­aus, sie spor­nen uns an, sie ge­ben uns ei­ne Rich­tung und sie sind Orien­tie­rungs­hil­fe. Sie zei­gen wo­hin wir uns be­we­gen kön­nen und sol­len. Wer­te, so könn­ten wir de­fi­nie­ren, sind un­ver­zicht­ba­re Mark­stei­ne auf un­se­rem Weg, wenn die­ser Weg in Rich­tung ge­lin­gen­des und sinn­vol­les Le­ben gehen soll. So kann Frankl fol­gen­des for­mu­lie­ren und das ist ein Zen­tral­satz in der Exi­stenz­a­na­ly­se. Er schreibt:
Den Sinn des Da­seins er­fül­len wir  -  un­ser Da­sein er­fül­len wir mit Sinn al­le­mal da­durch, daß wir Wer­te ver­wirk­li­chen.
Al­so ein ganz un­mit­tel­ba­rer Zu­sam­men­hang zwi­schen er­füll­tem Le­ben und Ver­wirk­li­chung von Wer­ten und ge­nau an die­sem Punkt liegt ei­ne gro­ße Ge­fahr. Jetzt könn­te man sich’s leicht ma­chen. Jetzt könn­te man hin­ge­hen und sa­gen: "Das ist ja toll, wir wis­sen was Wer­te sind. Wir sa­gen euch wel­che Wer­te zu ver­wirk­li­chen sind und ihr wer­det ein glück­li­ches Le­ben füh­ren. Je­der Ge­dan­ke, je­der Ver­such, der sich in die­se Rich­tung be­wegt, trifft nicht das, was wir in der Exi­stenz­a­na­ly­se mei­nen und auch nicht das, was Frankl mit die­sem Satz ge­sagt hat.
Denn Wer­te kön­nen nie­mals, wenn sie denn wirk­lich zur Er­fül­lung un­se­res Da­seins bei­tra­gen sol­len, ver­ord­net wer­den. Sie kön­nen nicht ver­schrie­ben wer­den. Wer­te, die die Ten­denz ha­ben, die in sich selbst die Dy­na­mik ent­wickeln kön­nen, Le­ben und Da­sein zu er­fül­len, muß ich mit mei­nem ei­ge­nen Ge­wis­sen fin­den. In die­ser zen­tra­len Aus­sa­ge Frankls wird ein un­be­ding­ter Zu­sam­men­hang zwi­schen Wert­ver­wirk­li­chung und Le­bens­sinn deut­lich. Wir brau­chen die­se Wer­te, die­se selbst be­jah­ten, die­se selbst­ ge­fun­de­nen Wer­te, wenn un­ser Le­ben zu ei­nem Ge­lin­gen her­an­rei­fen soll und nicht ir­gend­wann in den Ab­grund der Angst, der Sinn­lo­sig­keit und des Miß­trau­ens ab­stür­zen soll. Aber ge­nau die­sen Ab­sturz in die Angst, die­sen Ab­sturz in das Miß­trau­en be­trei­ben die Ty­ran­neien, auch die Ty­ran­neien der Wer­te.
Die Fra­ge ist na­tür­lich zu stel­len: wie kommt es zu ei­ner Ty­ran­nei der Wer­te?
Um die­se Fra­ge ein we­nig hin­ter­grün­dig zu klä­ren, müs­sen wir ei­nen klei­nen phi­lo­so­phi­schen Re­kurs vor­neh­men. Ich ha­be mir fol­gen­des ge­dacht, daß ich die­sen Re­kurs an den An­fang stel­le. Im zwei­ten Teil möch­te ich all das, was ich jetzt ein we­nig the­o­re­tisch ent­wick­le, in ei­ner für mich groß­ar­ti­gen Ge­schich­te des Al­ten Te­sta­men­tes noch ein­mal auf­leuch­ten las­sen. Al­so ge­hen wir jetzt noch ein­mal zu­rück zu der Fra­ge: Wie kommt es zur Ty­ran­nei der Wer­te?
Wie schon ge­sagt, hat der be­rühm­te Phi­lo­soph Ni­ko­lai Hart­mann die­sen Satz und die­sen Be­griff von der Ty­ran­nei der Wer­te ge­prägt und er geht da­bei von fol­gen­der Über­le­gung aus: Da­mit Wer­te für die Ethik über­haupt re­le­vant wer­den und auch für per­sön­li­ches Le­ben re­le­vant wer­den, müs­sen sie re­a­li­siert bzw. ak­tu­a­li­siert wer­den. Oh­ne dass je­mand hin­geht und Wer­te re­a­li­siert, wird es kei­ne Wer­te ge­ben.
Des­halb kann man über Wer­te auch sehr viel re­den, doch das Re­den über Wer­te ver­än­dert gar nichts. Es wird dar­auf an­kom­men, ob Men­schen da sind, die Wer­te von de­nen sie be­rührt sind ver­wirk­li­chen. Al­les an­de­re ist Selbst­be­trug. Des­halb sind auch nicht die Ka­the­der, die Bret­ter, die die Welt be­deu­ten und ver­än­dern son­dern das all­täg­li­che Le­ben. Al­so Wer­te müs­sen, da­mit sie über­haupt re­le­vant wer­den, ver­wirk­licht wer­den, ak­tu­a­li­siert wer­den und bei die­ser Ak­tu­a­li­sie­rung kommt es oft zu Wert­kon­flik­ten. Das heißt mei­stens ste­hen meh­re­re Wer­te gleich­zei­tig an und war­ten dar­auf re­a­li­siert zu wer­den. Ich glau­be, daß das ei­ne Er­fah­rung ist, die sie al­le ken­nen und die sie viel­leicht so­gar tag­täg­lich ma­chen, die­ser Wert­kon­flikt. Was soll ich tun? Was ist das Rich­ti­ge? Wa­rum bin ich heu­te hier?
Un­ser Le­ben ist aber so an­ge­legt, daß in ei­ner be­stimm­ten Si­tu­a­ti­on im­mer nur ein Wert wirk­lich ver­wirk­licht wer­den kann. Wie aber kom­me ich hier zu ei­ner Ent­schei­dung? Was sind mei­ne Grün­de für den ei­nen, ge­gen den an­de­ren Wert? In die­sem Zu­sam­men­hang kann man Wert auch sehr schön for­mu­lie­ren, oh­ne da­mit ei­ne in­halt­li­che Vor­ga­be zu ma­chen und sa­gen: Ein Wert ist der Grund ei­ner Be­vor­zu­gung. Das ist wert, was mich ver­an­laßt, das ei­ne dem an­de­ren vor­zu­zie­hen und da braucht man zu­nächst Wer­te gar nicht in­halt­lich zu de­fi­nie­ren, son­dern je­der von uns steht tag­täg­lich in die­ser Wer­te­aus­ein­an­der­set­zung. Je­der von uns hat hof­fent­lich sei­ne Grün­de und nicht nur An­läs­se, sonst han­deln wir nicht, son­dern wir rea­gie­ren. Die­ses ober­fläch­li­che Rea­gie­ren aus ei­ner be­stimm­ten Ge­fühls­kit­ze­lei her­aus. Al­so die Fra­ge: Was sind mei­ne Grün­de, wa­rum ich die­sen ei­nen Wert dem an­de­ren vor­zie­he? Un­ser Le­ben ist so an­ge­legt, daß im­mer nur ein Wert zu ei­ner be­stimm­ten Zeit ver­wirk­licht wer­den kann.
Al­les hat sei­ne Zeit - weiß schon das Al­te Te­sta­ment zu sa­gen. Wel­cher Wert setzt sich ge­gen ei­nen an­de­ren durch? Wel­cher wird be­vor­zugt in der Si­tu­a­ti­on des Wer­te­kon­flikts? Hier be­steht jetzt wie­der ei­ne gro­ße Ge­fahr. Mög­lich, daß der Wert, der sich ge­gen ei­nen an­de­ren Wert durch­setzt, den ich ge­gen ei­nen an­de­ren be­vor­zug­te, daß die­ser Wert in Zu­kunft in ei­ner ri­go­ro­sen und fa­na­ti­schen Wei­se sich im­mer wie­der durch­setzt. Dann kommt man in die Ge­fahr des Tra­di­ti­o­na­lis­mus und ich mei­ne jetzt gar nicht den Tra­di­ti­o­na­lis­mus au­ßen, son­dern den Tra­di­ti­o­na­lis­mus im ei­ge­nen Le­ben. Ein­mal ei­nen Wert ver­wirk­licht, ein­mal ei­nen Wert ge­gen an­de­re Wer­te durch­ge­setzt, birgt in sich die Ge­fahr jetzt aus Ge­wöh­nung im­mer wie­der dar­auf zu­rück­zu­grei­fen.
Die­sen, in die­ser ei­nen Si­tu­a­ti­on rich­ti­gen Wert zum all­ge­mei­nen Wert zu ma­chen und dar­aus dann Hand­lungs­prin­zi­pien ab­zu­lei­ten. Zum Bei­spiel mit dem Wort: Erst die Ar­beit, dann das Ver­gnü­gen!
Das ist dann so ein Wert, der sich als gro­ßer Wert ge­gen al­le an­de­ren durch­setzt. Al­so die­se Durch­set­zung ei­nes Wer­tes ge­gen an­de­re Wer­te, die ja im­mer wie­der in den neu­en Si­tu­a­ti­o­nen dar­auf war­ten, daß wir sie auch se­hen, kann sehr fa­na­tisch sein. Auch dann wenn die Si­tu­a­ti­on ei­ne un­ver­gleich­li­che und ei­ne an­de­re ist.
Ich er­in­ne­re in die­sem Zu­sam­men­hang nur im­mer an die so­ge­nann­ten Er­fah­rungs­wer­te. Vor lau­ter Er­fah­rung, die wir ge­macht ha­ben, aus de­nen wir un­ser Le­ben her­aus ken­nen, wo wir sa­gen, sol­che Si­tu­a­ti­o­nen ken­ne ich, da weiß ich, was man macht. Mit sol­chen Schü­lern geht man so um, das ha­be ich mein Le­ben lang er­fah­ren.
Sol­che Er­fah­rungs­wer­te ver­stel­len uns den Blick für den Wert der jetzt auf uns war­tet. Die­se Er­fah­rungs­wer­te üben ei­ne un­glaub­li­che Ty­ran­nei aus und las­sen Le­ben ver­ar­men. Das heißt Wer­to­rien­tie­rung ist nicht Er­fah­rungs­o­rien­tie­rung, son­dern Wer­to­rien­tie­rung ist vor al­len Din­gen auch die Auf­ga­be, mich von mei­nen ei­ge­nen Er­fah­run­gen lö­sen zu kön­nen. Das ist das, was be­deu­tet ein Floß auf of­fe­nem Meer zu bau­en. Ich bin sehr da­für, daß wir auf of­fe­nem Meer Flö­ße bau­en kön­nen. Al­so es gibt dann die Si­tu­a­ti­on, daß es für das Jetzt kei­nen Blick mehr gibt und daß man sich in trä­ger und be­que­mer Wei­se im­mer auf ein da­mals meint be­ru­fen zu kön­nen.
Nicht die Tat­sa­che, daß es Wer­te gibt, sehr wohl aber die ge­bo­te­ne Re­a­li­sie­rung führt zu Kon­flik­ten und in die­sen Kon­flik­ten na­tür­lich auch zu den Lö­sun­gen. Ich glau­be, wir kön­nen nicht da­von aus­ge­hen, daß wir je­den Wer­te­kon­flikt rich­tig lö­sen. Aber es be­steht auch dann die Ge­fahr, daß wir aus den Fehl­lö­sun­gen her­aus, die Ty­ran­nei der Wer­te sich ent­wickeln las­sen und so kann dann Hart­mann fol­ge­rich­tig  fol­gen­des for­mu­lie­ren:
Je­der Wert hat wenn er ein­mal Macht ge­won­nen hat ü­ber ei­ne Per­son, die Ten­denz sich zum al­lei­ni­gen Ty­ran­nen des gan­zen mensch­li­chen Ethos auf­zu­wer­fen und zwar auf Ko­sten an­de­rer Wer­te.
Wich­tig ist in die­sem Zu­sam­men­hang die­ser Satz: je­der Wert, hat er ein­mal Macht ge­won­nen, hat die Ten­denz sich zum Ty­ran­nen auf­zu­spie­len. Aus der Sicht der Exi­stenz­a­na­ly­se ist das ge­nau die tref­fen­de For­mu­lie­rung. Da be­ginnt die Ty­ran­nei der Wer­te, wenn es Wer­te gibt, die über die Per­son herr­schen.
Wenn al­so nicht die Per­son -  ich - in mei­nem Wert, in mei­nem Selbst­wert über den Wer­ten ste­he, son­dern wenn mein Per­son­sein, mein Ich­sein, mein Selbst­sein von den Wer­ten in den Hin­ter­grund ge­drängt wird, dann kommt es zu ei­ner Mach­ter­grei­fung und es ist völ­lig gleich­gül­tig, ob die­se Mach­ter­grei­fung von so­ge­nann­ten ho­hen oder nie­de­ren Wer­ten er­folgt. Mach­ter­grei­fung be­deu­tet dann, die Per­son, das Per­sön­li­che geht in den Hin­ter­grund und aus die­ser Mach­ter­grei­fung her­aus er­ge­ben sich stän­dig die Fehl­ent­wick­lun­gen und auch die Er­kran­kun­gen.
Denn das, was Hart­mann hier ent­wickelt hat, kann ich aus der all­täg­li­chen Sprech­stun­de und The­ra­pie be­stä­ti­gen. Im­mer wie­der be­geg­nen mir so­wohl äl­te­re als auch jün­ge­re Men­schen, die von vie­len Wer­ten, die sie in ih­rem Le­ben re­a­li­sie­ren, zu be­rich­ten wis­sen. Die eben die­se Wer­te nicht nur den­ken, son­dern die­se Wer­te auch tun, die sich ein­set­zen, die für die­se Wer­te ein­ste­hen, die sich nichts schen­ken und doch in ih­rem In­ne­ren in ih­rem tief­sten Sein leer sind. Wie kommt das?
Ei­ne Sin­ner­fah­rung, ei­ne Sin­ner­fül­lung wie Frankl sie in sei­nem Zi­tat ver­spro­chen hat, stellt sich nicht ein und die Men­schen fin­den kei­ne Er­klä­rung da­für. Sie sa­gen: "Wir tun doch so­viel". Sie tun auch ob­jek­tiv ge­se­hen sehr viel Gu­tes, sehr viel Rich­ti­ges und doch ist es als sei das gan­ze Tun von ei­nem hä­mi­schen Um­sonst be­glei­tet. Ir­gend­wo im In­ne­ren grinst mich die Frat­ze des "Um­sonst" an, es kommt nicht zur Er­fül­lung. Ich blei­be leer, aus­ge­brannt, am En­de.
Es soll­te uns zu den­ken ge­ben. Mir macht das im­mer wie­der Kopf zer­bre­chen, daß vor al­len Din­gen in Be­rei­chen, in de­nen Wer­te sehr viel ge­han­delt wer­den - et­wa im Be­reich der Kir­che - die­ses Leer­sein am häu­fig­sten an­zu­tref­fen ist. Das tut weh, weil hier ei­ne ganz gro­ße Ge­fahr ist und sehr, sehr viel von den Men­schen ge­lit­ten wird. Ich will die­ses Phä­no­men dann auf ei­ne an­de­re The­se auf ei­ne Grund­the­se der Exi­stenz­a­na­ly­se be­zie­hen.
Nur dann, kann es zur Ty­ran­nei der Wer­te kom­men wenn ein Wert über­se­hen wird, wenn ein Wert ver­nach­läs­sigt wird, oder stän­dig in den Hin­ter­grund ge­drängt wird, näm­lich der Grund­wert des Le­bens. Der nur in der An­nah­me des Wer­tes "Ich bin" er­fah­ren wer­den kann. Wenn ich mich selbst über­se­he, wenn ich mein Per­son­sein nicht in die­se Welt hin­ein­brin­ge, dann droht stän­dig die Ge­fahr der Ty­ran­nei der Wer­te in dem selbst über­se­hen, in­dem sich selbst in den Hin­ter­grund stel­len, ist je­der Ty­ran­nei - und das nicht nur in­ner­psy­chisch - son­dern auch
po­li­tisch, ist je­der Ty­ran­nei der be­ste Bo­den be­rei­tet.
Die Macht­ha­ber brau­chen Men­schen, die sich stän­dig selbst in den Hin­ter­grund stel­len und die sich vor lau­ter De­mut nicht mehr aus dem Staub zu er­he­ben wa­gen. Das ist ei­gent­lich auch das Trau­ri­ge von dem, was in der DDR pas­siert. Daß vor ei­nem Jahr Men­schen auf­ge­stan­den sind und ge­ru­fen ha­ben: "Wir sind das Volk" und in die­sem Schrei, ei­nen Wert in die Welt ge­schleu­dert ha­ben, der heu­te schon kor­rum­piert wor­den ist von der Markt­wirt­schaft. Ich weiß aus vie­len Ge­sprä­chen, daß die­se Men­schen die im Vor­jahr in Leip­zig auf die Stra­ße ge­gan­gen sind, heu­te in ei­ner schwe­ren De­pres­si­on stecken, weil sie sa­gen: "Wir sind auf die Stra­ße ge­gan­gen, in dem Be­wußt­sein auf uns kann ge­schos­sen wer­den, aber für die­se Wer­te, die heu­te kom­men, sind wir nicht auf die Stra­ße ge­gan­gen." Auch hier ist ge­nau das pas­siert, daß ei­ne Wel­le von Ty­ran­neien - auch die DM kann ei­ne Ty­ran­nei sein - hin­weg ge­fegt ist über die per­sön­li­chen Wer­te, die hier ganz zart an­ge­fan­gen ha­ben sich zu ent­wickeln. Wir re­den im­mer von der hi­sto­ri­schen Stun­de, aber wir ha­ben ei­ne hi­sto­ri­sche Chan­ce ver­tan, die wir in den näch­sten Jah­ren so nicht wie­der be­kom­men kön­nen. Es ist ein gan­zer Wert ver­kauft wor­den. Frankl nennt das ei­ne gei­sti­ge Frucht­ab­trei­bung.
Al­so oh­ne die Ein­wil­li­gung in den Wert - "Ich bin" - ist der Ty­ran­nei der Wer­te ein frucht­ba­rer Bo­den be­rei­tet und die wirk­li­che Auf­ga­be von Wert­ver­wirk­li­chung ist die, die auf mich war­tet. Daß vor al­len Wer­ten, die re­a­li­siert wer­den wol­len und sol­len, ich mich als Wert er­grei­fen muß und das ist die schwie­ri­ge­re Auf­ga­be. Vie­le Men­schen grei­fen lie­ber nach den Wer­ten drau­ßen, um nicht sich selbst als Wert er­grei­fen zu müs­sen. Denn sich selbst als Wert zu er­grei­fen, wird be­deu­ten mit sei­ner ei­ge­nen Frei­heit und sei­ner ei­ge­nen Ver­ant­wor­tung in Kon­takt zu kom­men. Aber Kier­ke­gaard hat schon ge­sagt: Die Angst, ist der Schwin­del der Frei­heit.
Das heißt es wird ei­nem schwind­lig vor Angst und vie­le hal­ten die­se Angst nicht durch, kom­pen­sie­ren die­se Angst, in­dem sie nach den Wer­ten da drau­ßen grei­fen. Es ist leich­ter die Welt zu ver­än­dern als sich selbst. Ro­ma­no Guar­di­ni sag­te es in sei­ner Spra­che ein­mal so:
Ich kann mich selbst nicht er­klä­ren, noch mich be­wei­sen, son­dern muß mich an­neh­men und die Klar­heit und die Tap­fer­keit die­ser An­nah­me, bil­det die Grund­la­ge al­len Exi­stie­rens. Wenn ich mir selbst ge­ge­ben bin, dann ist mir eben dar­in mei­ne Le­bens­chan­ce ge­ge­ben.
Ge­ra­de die­ser letz­te Ge­dan­ke ist so wich­tig, wenn ich mir selbst ge­ge­ben bin, dann ist mir ge­nau dar­in mei­ne Le­bens­chan­ce ge­ge­ben. Wel­ches Selbst­ver­ständ­nis und wel­ches Welt­ver­ständ­nis die Seins­art mei­nes Mensch­seins prä­gen? Die­se Fra­ge ist von fun­da­men­tal pä­da­go­gi­scher und fun­da­men­tal ethi­scher Be­deu­tung.
Wel­ches Selbst­ver­ständ­nis prägt mich? Wie selbst­ver­ständ­lich bin ich mir und die­ses Selbst­ver­ständ­nis ist nichts Ober­fläch­li­ches, die­ses Selbst­ver­ständ­nis geht in die tief­ste Schicht der Exi­stenz und bleibt nicht bei der Cha­rakt­er­struk­tur ste­hen. Des­halb kann sich auch Er­zie­hung und Pä­da­go­gik nie­mals nur in der Ver­mitt­lung von Wer­ten er­schöp­fen. Wenn wir die Pä­da­go­gik auf die­sen Aspekt re­du­zie­ren, dann ist die Pä­da­go­gik ein In­stru­ment der Ty­ran­nei ge­wor­den. Kin­der nicht zuerst an Wer­te her­an­zu­füh­ren, die von au­ßen ge­setzt sind, son­dern Kin­der brau­chen ei­ne Be­glei­tung, daß sie es ler­nen kön­nen ih­ren Selbst­wert zu ent­decken und die­sen Selbst­wert zu glau­ben.
Es geht des­halb in der Pä­da­go­gik nicht pri­mär um Hand­lungs­an­wei­sung, auch nicht um Hand­lungs­ma­xi­me und seien es die be­deu­tend­sten und die größ­ten, son­dern es geht in der Pä­da­go­gik, wie in al­lem Mensch­sein, um Be­glei­tung und um Ver­ste­hen!
Im Pro­zeß der ethi­schen Er­zie­hung ge­hen Men­schen mit­ein­an­der ei­nen Weg. Ei­ner be­glei­tet den an­de­ren und im Vor­gang des Be­glei­tens soll sich Ver­ste­hen er­eig­nen. Vor der Be­leh­rung steht das Ver­ste­hen und ein Kind und ein Mensch, der sich nicht ver­stan­den weiß, kann nichts ler­nen. Ein Mensch, der sich nicht ver­stan­den weiß, kann kei­ne Er­kennt­nis mehr ge­win­nen. Er kann nur mehr In­for­ma­ti­o­nen spei­chern. Dann kann man von Ab­ruf­kom­pe­tenz re­den. Ge­ra­de das Ver­ste­hen, das sich nur im Be­glei­ten er­eignet ist die Vor­aus­set­zung für Er­kennt­nis.
Wenn wir die­ses Ver­ste­hen nicht mehr lei­sten wol­len oder mei­nen es nicht mehr lei­sten zu brau­chen, dann ha­ben wir in der Pä­da­go­gik aus­ge­spielt und wir könn­ten die Com­pu­ter ein­set­zen. Die lie­fern bes­se­re In­for­ma­ti­o­nen, vor al­len Din­gen lu­pen­rei­ner als je­der Pä­da­go­ge und je­de Pä­da­go­gin, aber er ver­steht nichts. We­nig­stens nicht den Men­schen in sei­nem Sein.
In der Be­glei­tung des Mit­ein­an­ders im Vor­gang die­ser Be­glei­tung wird das ei­ge­ne Sein, auch das ei­ge­ne Sein des Kin­des in ei­ner drei­fa­chen Wei­se er­fah­ren. Be­glei­tung heißt näm­lich, daß ich Raum ha­be mein Selbst­sein zu er­fah­ren, daß ich aber auch mein Mit­sein er­fah­re und auch mein "in der Welt sein". Kon­zen­tri­sche Krei­se deh­nen sich im­mer mehr auf, vom Selbst-Sein zum Mit-Sein zum In-der-Welt-Sein. Ich glau­be, daß die­ser Schritt und die­ser Weg nicht um­ge­kehrt ge­gan­gen wer­den kann.
Ver­küm­mert aber der Selbst­wert, dann ver­liert sich näm­lich die sen­si­ble Fä­hig­keit, Wer­te des Le­ben­di­gen zu spü­ren. Ge­ra­de das Phä­no­men, daß wir Wer­te spü­ren müs­sen und sie nicht in­tel­lek­tu­a­li­sie­rend wei­ter­ge­ben kön­nen, ge­ra­de die­se Be­din­gung Wer­te zu spü­ren ist ge­kop­pelt an das Selbst-Sein-Kön­nen. Je mehr je­mand er selbst sein kann, de­sto grö­ßer, de­sto sen­sib­ler ist die Fä­hig­keit, Wer­te gefühlsmäßíg zu er­fas­sen. Ist die­ser Selbst­wert nicht da, macht sich ei­ne Un­si­cher­heit im gan­zen Wer­temp­fin­den breit und die­se Un­si­cher­heit wird wie­der kom­pen­siert da­mit, daß wir uns ger­ne Wer­te vor­set­zen las­sen, weil in die­ser Wert­set­zung für ei­nen Au­gen­blick die Un­si­cher­heit der Exi­stenz auf­ge­ho­ben ist und doch nicht trägt. Vie­le Men­schen sind auf­ge­ho­ben, aber sie füh­len sich nicht ge­tra­gen und des­halb müs­sen sie stän­dig neue Auf­he­ber und Auf­hel­ler, je nach dem, man kann das auch me­di­ka­men­tös ma­chen, her­an­zau­bern. Es gibt auch im Schau­en nach Wert­ka­teg­o­rien ein Sucht­ver­hal­ten. Wenn mein Selbst­wert nicht stimmt und ich grei­fe nach au­ßen und bin ei­gent­lich sehr an­fäl­lig für al­les, was von au­ßen ge­setzt wird. Es ist wirk­lich er­schreckend und trau­rig, wie we­nig Men­schen sich als ei­nen Wert er­fah­ren ha­ben und auch er­fah­ren kön­nen.
In der Tie­fe ist der Selbst­be­zug der ei­ge­nen Wer­ter­fah­rung ge­stor­ben oder ge­stört und die­se Stö­rung des Selbst­be­zu­ges ist die Grund­la­ge vie­ler psy­cho­so­ma­ti­scher und so­zi­a­ler Stö­run­gen. Ich blei­be da­bei, wer die Welt ver­än­dern will, muß den Men­schen in sei­nem Grund­be­zug ernst neh­men, sonst ist al­les nur Symp­tom­ku­rie­re­rei. Das ist eben die Ar­beit die sehr viel Zeit, sehr viel Ge­duld. sehr viel Hoff­nung be­deu­tet. Wenn der Selbst­wert nicht in ge­nü­gen­der Wei­se er­fah­ren und ge­lebt wur­de, dann ist auch der Wert der ich bin, der Weg zu dem Wert, der ich bin oft sehr lang und sehr schwer und man­che kom­men erst über vie­le Schuld­ge­füh­le und Äng­ste wie­der zu­rück zum ei­ge­nen Wert.
Hat man sich zu schnell nach au­ßen be­ge­ben, hat man sich zu schnell iden­ti­fi­ziert, mit den Wer­ten drau­ßen, dann ist die Rück­rei­se wirk­lich ei­ne Rei­se an den Un­ge­heu­ern vor­bei, die mich ei­gent­lich hin­dern wol­len zu mir selbst zu kom­men. Die­se Schuld­ge­füh­le quä­len Men­schen un­ab­läs­sig. Aber es ist ei­ne loh­nen­de Auf­ga­be viel­leicht so­gar die loh­nend­ste über­haupt.
Ich ha­be ge­dacht als Rein­hold Mess­ner vor ei­ni­ger Zeit aus dem Süd­pol zu­rück­kam, ich möch­te ein­mal ein Buch schrei­ben mit dem Ti­tel," Ich stand nie auf dem Eve­rest". Ich möch­te ih­nen in die­sem Buch von den Lei­stun­gen der Men­schen er­zäh­len, die sich als Selbst­wert wie­der­ent­deckt ha­ben, das ist mehr als so ei­ne Be­stei­gung.
Wir dür­fen nicht ver­ges­sen, daß ei­ne ge­stör­te Selbst­be­zie­hung auch die Be­zie­hung zu al­lem an­de­ren, was wert ist - ge­fähr­det. Die Selbst­sicht wird näm­lich zur Welt­sicht. Ich kann eben nicht aus der Welt zu mir schau­en, son­dern ich muß von mir in die Welt schau­en. Wenn a­ber das, wor­aus ich schaue, nicht wert ist, dann wer­de ich auch das was ich schaue nicht als Wert emp­fin­den kön­nen. Das ist dann auch er­schüt­ternd, wenn ich mit al­ten Men­schen zu tun ha­be, die an­ge­sichts ei­ner gro­ßen Wert­fül­le ih­res Le­bens sa­gen: "Das war doch al­les Nichts". Sie sa­gen im Grun­de nur, ich ha­be zwar viel ge­tan, aber ich ha­be mich selbst als Wert nie er­fah­ren kön­nen und jetzt muß ich doch sa­gen, es war "Al­les Nichts". Die­se Ab­wer­tung des ei­ge­nen Le­bens tut dann auch wie­der weh.
Das er­in­nert mich an die Ge­schich­te von zwei Be­du­i­nen aus der Wü­ste. Sie fin­den an ei­ner Quel­le ei­nen Eu­ro­päer, der ver­dur­stet ist. Sagt der ei­ne Be­du­i­ne zum an­de­ren: "Schau, er ist ein Eu­ro­päer. Er hat die Quel­le si­cher für ei­ne Fa­ta M­or­ga­na ge­hal­ten." So hal­ten vie­le Men­schen ih­ren Selbst­wert für ei­ne Fa­ta M­or­ga­na. Sie den­ken, da ist doch nichts und sie ver­dur­sten und ver­hun­gern mit­ten in der Fül­le. Des­halb mei­ne ich soll­ten wir acht­ge­ben, daß es nicht zu ei­ner Ty­ran­nei der Wer­te kommt.
Es geht al­so dann in ei­ner wer­to­rien­tier­ten Psy­cho­the­ra­pie, wie sie et­wa die Exi­stenz­a­na­ly­se dar­stellt, um ei­ne dop­pel­te Be­we­gung. Ein­mal hin zu mir, als Wert, hin zu mir in mei­nem Per­son-Sein. Das ist der Aspekt der Frei­heit. In­dem ich zu mir ste­hen kann, zu mir als Wert bin ich frei und es geht dann auch um die an­de­re Be­we­gung hin in per­so­na­ler Frei­heit mit mei­nem gan­zen Wert zu den Men­schen, hin in die Welt, hin auf die Wer­te, die mich an­spre­chen. Das ist der Aspekt der Ver­ant­wor­tung. Des­halb kön­nen wir Frei­heit und Ver­ant­wor­tung als die bei­den Tü­ran­geln, in de­nen sich un­se­re Exi­stenz dreht, be­zeich­nen und ich mei­ne die­se Grund­be­we­gung hin zu mir und von mir und mit mir, aber dann auch bit­te wirk­lich hin­aus in die Welt. Der gan­ze Ego­is­mus ent­steht nur aus die­sem nicht ge­lun­ge­nen Selbst­be­zug oder aus dem nicht ge­lun­ge­nen Welt­be­zug. Bei­de Be­we­gun­gen müs­sen stim­men. Mensch­sein heißt in die­ser Span­nung ste­hen und wo wir die­se Be­we­gung hin zu mir und hin­ein in die Welt nicht mehr le­ben - und die muß stän­dig ge­lebt wer­den - da wird ein Pol so­zu­sa­gen über­ge­wich­tig und der bringt das Gan­ze aus dem Gleich­ge­wicht. Mit al­len neu­ro­ti­schen Fol­gen und Er­schei­nun­gen.
Da­mit ich mei­nen Selbst­wert aber er­fas­sen kann, muß ich ei­ne neue Sen­si­bi­li­tät ent­wickeln.
Vie­le Men­schen sind so, daß dann, wenn ein Wert auf sie zu kommt, wenn sie be­rührt sind, von et­was an­ge­spro­chen sind, ob das ein Mensch ist oder ei­ne schö­ne Si­tu­a­ti­on, aus der Kunst. Das kann al­les sein und das ist ja das Schö­ne und Span­nen­de da­bei, daß dann wenn ich mir sel­ber wert bin, ich nicht her­ge­hen muß und die Welt schon ein­tei­le in Gut und Bö­se. Es kann mich al­les be­rüh­ren, es kann mich al­les tref­fen, es kann al­les zu ei­nem An­spruch wer­den, das heißt die Angst nimmt auch ab. Aber vie­le sa­gen dann, wenn sie von ei­nem Wert, von et­was Schö­nem, et­was Gu­tem, von et­was Er­freu­li­chem be­faßt sind oder be­rührt sind, sie las­sen die­se Be­rüh­rung so­zu­sa­gen nur noch auf der Haut kit­zeln. Sie ver­län­gern die­se Be­we­gung nicht bis in die Tie­fe ih­res Her­zens, die­ses lei­se in Schwin­gung kom­men, die­se lei­sen Wert­schwin­gun­gen wer­den gar nicht mehr wahr ge­nom­men und des­halb gibt es auch kei­ne Tie­fen­er­fah­rung mehr, kei­ne Er­fah­rung mehr, daß in der Tie­fe Wahr­heit ist. Wir müs­sen al­so se­hen, daß dort, wo mich Wer­te au­ßen an­spre­chen, in mir selbst ei­ne wirk­li­che Re­so­nanz ent­steht. Ist aber mein Re­so­nanz­bo­den klein, weil ich ihn im­mer ent­wer­te, dann kommt es auch zu kei­ner Schwin­gung, dann wird das gan­ze Le­ben zu ei­ner un­er­träg­li­chen Last. Dann gibt es ei­gent­lich im Emp­fin­den kei­ne Wer­te mehr, son­dern nur noch Pflich­ten. Al­les wird dann zur un­er­träg­li­chen Pflicht, wenn ich im In­ner­sten mit dem was ich tue und will nicht mehr mit­schwin­gen kann. Das ist ein sehr sen­si­bles und wich­ti­ges In­stru­ment, um her­aus­zu­be­kom­men, tu ich weil ich es muß, tu ich weil ich es will. Wol­len kann ich nur dort, wo ich be­rührt bin. Wie aber kann es da­zu kom­men, daß man wie­der die Ty­ran­nei der Wer­te sich selbst ein biß­chen schützt.
Ei­ne Ge­schich­te, in der das in un­ver­gleich­li­cher Wei­se nach­ge­zeich­net ist, ist die Geschichte des Exo­dus. Der Aus­zug aus Ägyp­ten und wenn ich jetzt Ägyp­ten be­nut­ze ist es nichts ge­gen das Land auch nichts ge­gen die Kul­tur Ägyp­tens, ge­gen die doch sehr ho­he Qua­li­tät von Re­li­gi­o­si­tät, aber sie kön­nen dar­an spü­ren, daß um­ge­ben von höch­ster Kul­tur und von fas­zi­nie­ren­der Re­li­gi­o­si­tät, ich dort er­sticke und in die Ty­ran­nei ge­ra­te, wenn es nicht meins ist.
Die­ses klei­ne Volk, das aus der Wü­ste kam und vor lau­ter Hun­ger nicht wuß­te wo­hin, sich nach Ägyp­ten ret­tet, ist um­ge­ben mit Brot, mit Kunst, mit Re­li­gi­on, die Welt ist ei­gent­lich fer­tig. Doch kann sich die­ses Volk in die­ser Welt nicht hei­misch ma­chen, es sind nicht sei­ne Wer­te. Man kann es ja von au­ßen kaum ver­ste­hen. Das ist aber ge­nau das Pro­blem, mit dem vie­le Men­schen zu­tun. Daß dann, wenn sie in die­se Welt kom­men, sie im­mer fest­stel­len müs­sen, al­les ist al­les schon ge­re­gelt. Es ist für al­les ge­sorgt, für das Es­sen, für die Be­dürf­nis­se auch für
die re­li­gi­ö­sen Be­dürf­nis­se. Men­schen, die heu­te ge­bo­ren wer­den, kom­men in ei­ne Welt, in der al­les fer­tig ist. Man brauch­te sich nur noch be­die­nen nur was das ich an­tref­fe ist nicht das mei­ne und das ist das Pro­blem.
Pe­ter Slo­ter­dijk hat ei­nem fas­zi­nie­ren­den klei­nen Buch, "Zur Welt kom­men, zur Spra­che kom­men" das fol­gen­der­ma­ßen ge­sagt: Die Mut­ter wird vom Kind ent­bun­den und das Kind wird an die Welt ge­hef­tet .
An die­ser Welt­ver­haf­tung und die­ser Wert­ver­haf­tung, fin­den wir uns im­mer schon vor. Be­vor wir auf den ei­ge­nen Fü­ßen ste­hen, spü­ren wir, daß wir in der Welt ver­haf­tet sind und daß es un­se­rer­seits noch ein­mal sehr dar­auf an­kommt uns selbst zu ge­bäh­ren. Näm­lich aus die­ser Ver­haf­tung, aus die­sen Wert­ver­haf­tun­gen aus der Ver­haf­tung an das, was nicht das mei­ne ist - her­aus. Da­mit be­ginnt der Exo­dus. Die­ses Volk hat sich nicht ge­wöhnt an sei­ne Ver­haf­tung. Es hat sich nicht ge­wöhnt an sein Skla­ven­da­sein. Und wir dür­fen uns nicht an un­se­re ei­ge­ne Un­frei­heit und nie­mals an den Ver­lust un­se­res Selbst­wer­tes ge­wöh­nen.
Frankl zi­tiert oder sagt es so: Un­ser Selbst­ver­ständ­nis - sagt uns wir sind frei.
Im tief­sten Selbst­ver­ständ­nis wis­sen wir, daß wir frei sind. Die­ses Selbst­ver­ständ­nis je­doch, die Selbst­ver­ständ­lich­keit die­ses Ur­tat­be­stan­des, das ist Frankl wie er die Din­ge dreht. Ich le­se es noch ein­mal: Un­ser Selbst­ver­ständ­nis sagt uns wir sind frei.
Die­ses Selbst­ver­ständ­nis, die Selbst­ver­ständ­lich­keit die­ses Ur­tat­be­stan­des un­se­rer Frei­heit, kann je­doch sehr wohl ab­ge­blen­det sein. Und ab­ge­blen­det ist un­se­re Frei­heit, wenn der Selbst­wert ab­ge­blen­det ist. Und es ist dann ei­ne Auf­ga­be von Pä­da­go­gik, von The­ra­pie und auch von kirch­li­cher Ver­kün­di­gung die­se Sehn­sucht nach der ei­ge­nen Frei­heit wach­zu­ru­fen. Und nicht die Leu­te im ge­sun­den Kir­chen­schlaf zu be­las­sen, der ja kei­nem ge­fähr­lich wird. Die Sehn­sucht nach mei­ner Frei­heit kün­det sich ja an, in dem Schrei, in dem Men­schen zur Welt kom­men. Aber in dem ich schreie, wird mir ge­sagt, du mußt mei­ne Spra­che ler­nen. Und nun wer­de ich in der Schu­le dar­auf ge­trimmt ei­ne Spra­che zu ler­nen, ei­ne wer­to­rien­tier­te Spra­che. Wir ha­ben ei­ne ganz gro­ße Ver­küm­me­rung der in­ne­ren Spra­che und das ist auch ein Zei­chen von Ty­ran­nei der Wer­te.
Ich ha­be auch da mit vie­len Men­schen zu tun, die un­ge­heu­er in­tel­lek­tuell sind, die ein Sprach­vo­lu­men ha­ben, an das ich bei wei­tem nicht her­an­kom­me, aber sie ha­ben kei­ne Spra­che für ih­re ei­ge­nen Ge­füh­le. Auch das Spre­chen ler­nen ist ein Pro­zeß der Ver­haf­tung und wenn ich mir so an­schaue, wie in der Schu­le, Le­sen und Schrei­ben und Spre­chen ge­lernt wird, ist es ei­ne Iso­lier­haft ge­gen die ei­ge­nen Ge­füh­le. Man wird dann gut in der Schu­le, wenn man lernt, sich selbst her­aus­zu­hal­ten. Nicht so­viel Ei­ge­nes da­zu zu tun und die Sa­che sach­lich dar­zu­stel­len. Da be­ginnt dann auch die Ver­ar­mung der Ge­füh­le. Al­les das - sol­che Din­ge kön­nen sie un­ter dem Stich­wort un­ter dem Sym­bol "Ägyp­ten" ein­mal für sich zu­sam­men­fas­sen und sich selbst fra­gen wie bin ich ei­gent­lich n ach Ägyp­ten ge­kom­men. In die­se wun­der­schö­ne Welt. Hei­deg­ger sagt: Die Spra­che ist das Haus des Seins.
Aber was, wenn es nicht mei­ne Spra­che ist, dann ha­be ich kein Haus. Al­so so die­se Fra­ge sich ein­mal selbst zu stel­len, wie kam ich ei­gent­lich nach Ägyp­ten?
Wel­che Not hat mich da­hin­ge­trie­ben?
Es gibt exi­sten­tiel­le Nö­te, es gibt kör­per­li­che Nö­te, es gibt Din­ge zu de­nen man ge­nö­tigt ist, die man tut, weil sie ei­nem das Le­ben ret­ten. Wie aber wenn ich aus der Ver­haf­tung nicht mehr her­aus­kom­me, wenn ich den Mut nicht mehr ent­wick­le mich im­mer im Exo­dus ge­gen­ü­ber al­len Wer­ten zu be­fin­den. Die christ­li­che Bot­schaft ist die Bot­schaft des Exo­dus, des Her­aus­ge­hens. Ich den­ke, daß es ei­ne Bot­schaft ist des Her­aus­ge­hens von al­len Wer­ten, um auf neue zu­ge­hen zu kön­nen.
Ge­nau das tut das Volk, es geht her­aus, es flieht. Auf die­sem Weg wer­den ihm we­sent­li­che Din­ge zu­ge­mu­tet, die ich kurz an­deu­ten möch­te, weil sie un­ab­ding­bar sind für die Er­fah­rung von Selbst­wert.
Das er­ste, was ei­ne ganz wich­ti­ge Er­fah­rung ist: man flieht, man läßt die al­ten Wer­te hin­ter sich. Dann kommt die Ge­schich­te mit dem Schilf­meer. Auf ein­mal geht es nicht mehr wei­ter, vor­ne das Meer und hin­ten die Ägyp­ter. Das heißt die Wer­te, die man ver­läßt, sind da­mit nicht aus der Welt, sie set­zen uns nach. Wer­te sind hart­näckig und auf­dring­lich. Auch die Ty­ran­nen, die ja noch mehr. In die­ser Si­tu­a­ti­on ein­ge­keilt zwi­schen vor­ne trägt noch nichts, die neu­en Wer­te sind noch nicht tra­gen­der Grund und von hin­ten ja­gen die al­ten Wer­te nach und ma­chen Angst. Da ge­schieht Ver­zweif­lung. Aber in der Si­tu­a­ti­on der Ver­zweif­lung ist man von der Weis­heit ei­gent­lich nie weit ent­fernt. Ver­zweif­lung ist sehr na­he mit Weis­heit ver­bun­den. Was wird die­sem Volk zu­ge­mu­tet. Es wird im zu­ge­mu­tet, daß es auf den Grund des Mee­res geht. Man kann nicht ein­fach so über das Was­ser lau­fen. Wich­tig ist, den Din­gen auf den Grund zu ge­hen und ei­ne Grund­er­fah­rung zu ma­chen. Psy­cho­the­ra­peu­tisch ge­spro­chen heißt das, wi­der die Ty­ran­nei der Wer­te sich schüt­zen heißt, mir selbst in mei­nem Un­be­wuß­ten auf den Grund kom­men. In die­sem Zu­sam­men­hang hat Frankl ei­nen Be­griff ge­prägt, er spricht vom "Gei­stig Un­be­wuß­ten". Da­mit ist nicht das trieb­haft Un­be­wuß­te von Freud ge­mein­te, auch nicht das kol­lek­ti­ve Un­be­wuß­te des Ar­che­ty­pes von C. G. Jung. Al­les - das trieb­haft Un­be­wuß­te, kol­lek­ti­ve Un­be­wuß­te kann sich noch ein­mal zur Ty­ran­nei der Wer­te ent­fa­chen. Auch die Ar­che­ty­pen kön­nen ty­ran­ni­sie­ren. Hier geht es al­so da­rum, dem ei­ge­nen Un­be­wuß­ten auf die Spur zu kom­men und fest­zu­stel­len, daß es das Bild, das im Exo­dus, in der Schilf­meer­ge­schich­te liegt, daß der ei­ge­ne Grund trägt.
Auf die­sem Grund, auf den ich mich aber ein­las­sen muß, be­geg­ne ich nichts an­de­rem, als dem Le­ben. Es wird im Text ge­sagt, das Volk soll­te sich la­gern ge­gen­ü­ber von Baal­ze­fon. Baal­ze­fon war ein Stand­bild von Baal. Von Baal wur­de er­zählt, daß er in ei­nem dra­ma­ti­schen Kampf die Göt­ter und die Un­ge­heu­er be­siegt hat­te und auf den Grund des Mee­res ver­bann­te. Und auf dem Grund des Mee­res hau­sen nun die Un­ge­heu­er, die so­bald ein Mensch auf­taucht, die­sen Men­schen zu­nich­te ma­chen. Ge­nau­so den­ken vie­le Men­schen über ihr Un­be­wuß­tes. Die Un­ge­heu­er die man dort­hin ver­bannt hat, die man ver­drängt hat, die man im Kampf be­sei­tigt hat, schlum­mern dort un­ten. Aber man muß schau­en, ob es wirk­lich so ist, denn wenn ich im­mer noch Angst ha­be, mich im Tief­sten auf mich selbst ein­zu­las­sen, bis in die Sphä­re des Un­be­wuß­ten, blei­be ich doch wie­der je­der Ty­ran­nei der Wer­te ge­gen­ü­ber an­fäl­lig. Nur ein Mensch, der in sich selbst ge­grün­det ist, kann frei sein. Das wä­re dann so­wie­so ein Vor­trag für sich, die­sem Aspekt ein­mal nach­zu­ge­hen, wie kann ich denn an mein Un­be­wuß­tes wirk­lich her­an­kom­men, an die­sen tra­gen­den Grund. An die wie Frankl das sagt, an die tie­fen Per­so­nen. An das, was sich in der Tie­fe wirk­lich ver­birgt.  Das wird al­so zu­ge­mu­tet, sich selbst im Grund zu spü­ren. Spü­ren Sie Ih­ren ei­ge­nen Grund? Was ist für Sie Le­bens­grund? Oder schwim­men sie mehr an der Ober­flä­che und die Angst nimmt zu.
Dann geht es wei­ter mit die­sem Volk, ein an­de­rer Ak­zent, der auch sehr wich­tig ist, da­mit man lernt, ge­gen die Ty­ran­nei der Wer­te zu le­ben. Das ist die Ge­schich­te vom Man­na. Sie ken­nen die­se Si­tu­a­ti­on, das Volk hat Hun­ger und in die­ser Hun­ger­si­tu­a­ti­on kommt zu­nächst ein­mal die Em­pö­rung und ei­ne Ver­klä­rung der Ver­gan­gen­heit. Dort wo der Hun­ger nagt, wird die Ver­gan­gen­heit so schön. Dort wo kei­ne neu­en Wer­te da sind, wer­den die al­ten Wer­te ver­klärt. Das ist ja ge­ra­de­zu das Kenn­zei­chen ei­ner Über­gangs­zeit, ei­ner Kri­sen­zeit, weil das Neue noch nicht wirk­lich grund­sätz­lich spür­bar ist, wer­den auf ein­mal die al­ten Wer­te ver­klärt und man sehnt sich zu­rück nach der gu­ten al­ten Zeit, in der noch Wer­te ge­gol­ten ha­ben, aber das ist trü­ge­risch. Ägyp­ten ist nur aus der Dis­tanz schön. Die Fleisch­töp­fe Ägyp­tens wa­ren gar kei­ ne, es wa­ren auch Hun­ger­töp­fe. In der Dis­tanz und in der Not wird die Ver­gan­gen­heit ver­klärt, da­mit - in der Ver­klä­rung der Wer­te von frü­her, ma­che ich sie wie­der zu Ty­ran­nen. Das Volk wä­re fast an die­ser Ver­klä­rung ge­schei­tert. Dann ma­chen sie aber ei­ne Er­fah­rung, die für das Le­ben un­be­dingt wich­tig ist. Wü­ste be­deu­tet, daß es der klein­ste Ho­ri­zont ist, in dem Men­schen Le­ben kön­nen. Wir wol­len im­mer den gro­ßen Welt­ho­ri­zont, wir wol­len den Sinn des Le­bens fin­den. Wir wol­len die Wer­te, die ab­so­lu­ten Wer­te wis­sen, wir wis­sen sie nicht. Wir sind ver­wie­sen in un­se­rem Wü­sten­ho­ri­zont und Wü­ste heißt in die­ser Grund­er­fah­rung des Exo­dus: Für heu­te ist ge­sorgt. Wenn du den Mut hast, dich auf heu­te ein­zu­las­sen, wirst du über­le­ben. Vor dir die Wü­ste, hin­ter dir die Wü­ste und mit­ten­drin, im Hier und Jetzt ist für dich ge­sorgt.
Ich glau­be, daß dies ei­ne ganz neue Wer­te­dy­na­mik her­vor­bringt, wenn wir die Fä­hig­keit ent­wickeln könn­ten, die Wer­te her­aus­zu­spü­ren, die jetzt dran sind. Nur im Hier und Jetzt las­sen sich wirk­lich Wer­te er­fas­sen und ver­wirk­li­chen und man lebt.
Bis es zu ei­ner noch tol­le­ren Er­fah­rung kam, daß an ei­nem Tag dop­pelt so­viel Man­na da war als sonst. Wie schön. Ein­mal brauch­te man nicht her­aus­zu­ge­hen und zu sam­meln, man brauch­te um im Sprach­ge­brauch der Exi­stenz­a­na­ly­se zu blei­ben, kei­ne schöp­fe­ri­schen Wer­te ver­wirk­li­chen, man konn­te Er­leb­nis­wer­te ver­wirk­li­chen. Ein Tag war frei. Da be­ginnt übri­gens aus der Er­fah­rung der Sab­bat, der Sonn­tag. Der Sonn­tag, das Sab­bat­hal­ten ist gar kein Ge­bot: du sollst nicht ..., son­dern es ist ei­ne Er­fah­rung heu­te ist so­viel da, daß ich mor­gen nichts tun muß. Das ist toll - heu­te bin ich be­freit zum Er­le­ben. Auch hier liegt die Er­fah­rung vor der The­o­rie. Dann kommt die Iro­nie. Ei­ni­ge sa­gen:" Al­so sam­meln wir je­den Tag dop­pelt, dann ha­ben wir je­den zwei­ten Tag frei." Sie schef­fel­ten Wer­te auf Vor­rat, sie woll­ten schon heu­te wis­sen, wel­cher Wert mor­gen für sie reicht. Und sie ma­chen ei­ne Er­fah­rung, daß das was sie dop­pelt ge­sam­melt hat­ten, am an­de­ren Tag stinkt. Die Wer­te von ge­stern stin­ken. Da­mit kann man nicht le­ben, man ver­dirbt sich den Ma­gen dar­an. Das heißt wir sind auf­ge­for­dert in die­ser Wach­heit un­se­rer Exi­stenz je­den Tag hin­zu­schau­en, je­den Tag ge­nau hin­zu­schau­en und uns nicht auf das Man­na von ge­stern zu ver­las­sen. Ein­mal in der Wo­che ist es gut, aber nicht als Le­bens­prin­zip. Es gibt die Be­frei­ung zu den schöp­fe­ri­schen Wer­ten aber es darf nicht zur Ty­ran­nei der Wer­te von ge­stern über die Wer­te von mor­gen oder gar von heu­te kom­men.
Mit die­ser Er­fah­rung ge­stärkt, kommt nun ei­ne letz­te - es gibt noch sehr viel mehr Aspek­te in der Exo­dus­ge­schich­te, die hier in­ter­es­sant wä­ren -  aber von die­ser Er­fah­rung ge­stärkt, kommt noch ei­ne letz­te, doch sehr kri­ti­sche Be­geg­nung. Näm­lich die Be­geg­nung mit dem Gott, der Ge­bo­te gibt. Ist jetzt al­les am En­de, sind jetzt doch, die Wer­te die Ge­bo­te - das Letz­te? Aber be­ach­ten sie ganz ge­nau. Ich hat­te ge­sagt, be­vor es um die Fra­ge geht, was sol­len wir tun, geht es um die Er­fah­rung, daß ich wert bin. Be­vor die­ses klei­ne Volk in der Wü­ste an den Berg kommt, hat es ei­ne lang­jäh­ri­ge Er­fah­rung ge­macht, daß es selbst wert ist. Es war kei­ne Be­leh­rung vor dem Aus­zug des Exo­dus, wie man in der Wü­ste gut durch­kommt oder was man ein­hal­ten muß, daß man ins Ge­lob­te Land kommt, was man tun muß, da­mit man in den Him­mel kommt. Kein Wort dar­ü­ber. Die gan­ze Er­fah­rung bis zum Berg ist ei­ne Er­fah­rung - du bist wert! Um dein Wert­sein, ist sich im­mer schon, spär­lich aber doch, im­mer ­schon ge­küm­mert, wor­den. Wo die­se Er­fah­rung aus­bleibt und wo die­se Er­fah­rung nicht als Er­fah­rung leb­bar wird, wird je­des Ge­bot - auch das gött­li­che - zum Ty­ran­nen. Vor den Ge­bo­ten, vor die­ser Klam­mer steht ein Vor­zei­chen und das heißt: L E B E N. Die Fra­ge nach dem er­sten Ge­bot wird mir im­mer so be­ant­wor­tet: "Das er­ste Ge­bot heißt, ich bin der Herr dein Gott, du sollst nicht . . ." Das ist falsch. Das ist ab­grund­tief falsch, weil et­was ganz an­de­res ge­sagt ist und da wo es im Al­ten Te­sta­ment ge­sagt ist, ist es ja ei­ne Her­aus­for­de­rung, daß wir das auch le­ben. Es wird ge­sagt: Ich bin der Herr, dein Gott, er dich aus Ägyp­ten her­aus­ge­führt hat. Der dir Le­ben schenkt, der dir erst ein­mal klar ge­macht hat, daß du ei­nen Selbst­wert hast und be­vor ich über­haupt dar­an­ge­he Ge­bo­te auf­zu­stel­len, ist mir wich­tig, daß du dei­nen Selbstwert kennst.
Und da­mit ist auch ge­sagt, daß die Ge­bo­te nicht das letz­te Ab­so­lu­te sind, die Ge­bo­te ste­hen in ei­nem Be­zug zum Le­ben. Die Ge­bo­te ha­ben nur ei­nen Sinn, daß ich le­ben kann. Ich le­be nicht für die Ge­bo­te, son­dern die Ge­bo­te sind für mich da. Es kann sehr wohl ein Wert sein, die Wahr­heit sein, ein Ge­bot um der Lie­be wol­len zu über­tre­ten. Die Ge­bo­te sind kein Wert an sich. Sie ha­ben ei­nen Be­zug zu Gott, sprich zum Le­ben. Und man kann um Got­tes Wil­len, die Ge­bo­te ver­let­zen. Wer das nicht wagt, ist in der Ge­fahr sich der Ty­ran­nei der Ge­bo­te un­ter­zu­ord­nen. Das ist die Frei­heit ei­nes Chri­sten­men­schen, weil das mit dem Selbst­wert et­was zu tun hat. Al­so das Vor­zei­chen be­ach­ten.
Das gan­ze möch­te ich schlie­ßen mit ei­nem Text aus dem Kau­ka­si­schen Krei­de­kreis von Ber­thold Brecht. Die Sze­ne als die Gu­sche, das Kind nimmt, das dort liegt und ein Wert ist. Sie wer­den in die­ser Ge­schich­te mer­ken, daß hier et­was an­de­res ge­schieht. Daß hier das glei­che ge­schieht, aber doch et­was ganz an­de­res, daß ein Wert über ei­ne Per­son Macht ge­winnt und die­se Macht­ge­win­nung kei­ne Ty­ran­nei ist.
Guar­di­ni hat ein­mal ge­sagt: Der Wert ist der Kost­bar­keit­schar­ak­ter der Din­ge.
Die­sem Kost­bar­keit­schar­ak­ter Raum ge­ben, heißt auch die­ser Kost­bar­keit über mei­nem Le­ben Macht ein­zu­räu­men.
Ich will die Sze­ne nur kurz er­klä­ren. Es bricht ja die Re­vo­lu­ti­on aus. Re­vo­lu­ti­on heißt im­mer wie­der die al­ten Wer­te gel­ten nicht mehr und die neu­en Wer­te spie­len sich als Ty­ran­nen auf. Zwi­schen Tür und An­gel steht Gru­sche. Die Für­stin hat ihr Hab und Gut ret­ten wol­len, das Ge­sin­de ist weg, das Kind, als Kind des Für­sten ist nur be­la­stend. Wird man sie mit dem Kind an­tref­fen, steht sie in der Ge­fahr auch selbst ver­haf­tet oder ge­tö­tet zu wer­den. Gru­sche legt das Kind nie­der, be­trach­tet es ei­ni­ge Au­gen­blicke, holt aus den her­um­ste­hen­den Kof­fern Klei­dungs­stücke und deckt da­mit, das im­mer noch schla­fen­de Kind zu. Dann läuft sie auch in den Pa­last um ih­re Sa­chen zu ho­len. Man hört Pfer­de­ge­trap­pel und das Auf­schreien von Frau­en. Gru­sche trägt ein Bün­del und geht auf das Por­tal zu, fast schon dort, wen­det sie sich um zu­se­hen um das Kind noch da ist. Da be­ginnt der Sän­ger zu sin­gen, sie bleibt un­be­weg­lich se­hen:
Als sie nun stand zwi­schen Tür und Tor
hör­te sie oder ver­mein­te zu hö­ren, ein lei­ses Ru­fen.
Das Kind rief ihr, wim­mer­te nicht, son­dern rief ganz ver­stän­dig,
so je­den­falls wars ihr.
Frau, sag­te es, hilf mir und es fuhr fort, wim­mer­te nicht,
son­dern sprach ganz ver­stän­dig:
Wis­se Frau, wer ei­nen Hil­fe­ruf nicht hört,
son­dern vor­bei geht ver­stör­ten Ohrs,
nie mehr wird der hö­ren, den lei­sen Ruf des Lieb­sten,
noch im Mor­gen­grau­en die Am­sel,
oder den wohl­i­gen Seuf­zer der er­schöpf­ten Wein­pflücker.
Dies hö­rend ging sie zu­rück, das Kind noch ein­mal an­zu­se­hen, nur für ein paar Au­gen­blicke bei ihm zu sit­zen, nur bis wer kä­me. Die Mut­ter viel­leicht oder ir­gend­wer. Nur be­vor sie weg­ging, den die Ge­fahr war zu groß, die Stadt er­füllt von Brand und Jam­mer. Schreck­lich ist die Ver­füh­rung zur Gü­te. Lan­ge saß sie beim Kind, bis der Abend kam, bis die Nacht kam, bis die Früh­däm­me­rung kam. Zu­lan­ge saß sie, zu­lan­ge sah sie. Das stil­le At­men, die klei­nen Fäu­ste, bis die Ver­füh­rung zu stark wur­de ge­gen Mor­gen zu und sie auf­stand sich bück­te und seuf­zend das Kind nahm und es weg­trug. Wie ei­ne Beu­te nahm sie es an sich, wie ei­ne Die­bin schlich sie sich weg.
Wer­te ent­ste­hen nur dort, wo ich mich ein­las­se auf das, was jetzt not tut. Ich bin da­von über­zeugt, daß die Welt lebt, weil es im­mer wie­der Men­schen gibt, die sich um die Wert­phi­lo­so­phie ei­nen Dreck keh­ren, son­dern sich ver­las­sen auf ihr Herz.
Die Gru­sche be­kommt ja viel Är­ger und fin­det zum Glück je­mand, der die­ser Spra­che des Her­zens im Au­ßen auch zum Recht ver­hilft. Aber hier in die­ser Be­geg­nung, in die­sem Au­gen­blick, in die­sem Zwi­schen  -  du und ich -  in der An­schau­ung der Din­ge und in der An­schau­ung der Men­schen, dort wach­sen die Wer­te, und von die­sen Wer­ten le­ben wir und für die­se Wer­te lohnt es sich zu le­ben, auch wenn sie nie­mand sieht.
Ema­nuell Le­vi­nas, der gro­ße, fran­zö­si­sche Phä­no­me­no­lo­ge und Phi­lo­soph, hat ein­mal ge­sagt:
Das Ant­litz des An­de­ren ge­bie­tet mir, du wirst mich nicht tö­ten.
Wenn ich hin­schaue, dann spü­re ich den Wert.
Und dann wird das Le­ben le­bens­wert.
Es sind al­so die stil­len Wer­te um die es geht

 

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